15.07.2019

Briefe



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ID: 19881 Brieftext


Geschrieben am: 02.09.1878
 

Liebe Frau Schumann!
Eben erhalte ich Ihren lieben Brief. Wie gern hätte ich Besseres aus ihm herausgelesen! Das einzig Erfreuliche für mich ist, daß Sie inmitten aller Bedrängniß noch Zeit finden, meiner freundlich zu gedenken. Ich lebe trotz aller Götterdämmerung-Proben, Fremdenbesuche und sonstiger Hetzereien noch immer in Gedanken mit Ihnen fort; jedes mal wenn ich in mein Zimmer trete freue ich mich, in der Erinnerung, daß Sie in demselben gewandelt. Es ist mir, als ob unsre, doch schon in einer ansehnlichen Reihe von Jahren erprobte Beziehung, jetzt erst recht niet- und nagelfest geworden wäre, als ob ich einen tieferen Einblick in Ihre Natur jetzt erst gewonnen hätte. Und das ist ja wohl das Rechte: daß das Wahre und Aechte keinen Stillstand und keinen Rückgang kennt, daß Zeit und Jahre es nur vertiefen, nicht abnützen können. Ich will nicht anfangen, Ihnen zu danken: das wäre bei Ihnen ein vergebliches Bemühen, denn bei jeder solchen Abrechnung fühlen Sie sich ja immer noch als Schuldnerin! – – –
Durch Postanweisung sende ich Ihnen 42 Mark. Daß Dr Friedrich Ihnen seine Rechnung geschickt, müssen Sie nicht mißverstehen. Als ich ihn nach dem Grunde fragte, sagte er mir, er wisse aus Erfahrung, daß Patienten, besonders Freunde, aus lauter Sorge, zu wenig zu geben, – gewöhnlich zu viel geben, und das habe er verhüten wollen. (Ich ging direct von Tutzing zu ihm, gab ihm Ihren Brief, dessen Inhalt er mir natürlich gleich zurückgab.) Die kleine Reise ist mir schlecht bekommen. Nachdem ich in Starnberg meine Geschäfte abgemacht, fuhr ich Nachmittag zu Vogl, und klemmte mir in dem Waggon drei Finger der linken Hand (durch eine plötzlich zuschlagende Thüre) dermaßen ein, daß ich ohnmächtig wurde vor Schmerz, von einem zufällig mitreisenden Arzte verbunden wurde, und mehrere Tage die wahnsinnigsten Schmerzen ausstehen musste. Jetzt zeigt sich, daß ich bleibenden Schaden nicht haben werde; nur ein Nagel wird abgehen. Mit der Fischerin war es natürlich Nichts. – Lehnbach’s Skizze ist in der That staunenswerth ähnlich; besonders die Augen wundervoll; man sieht ihr die Freude an, mit der er an die Arbeit ging. Er lässt schönstens grüssen, und versichert, das ausgeführte Bild werde weit besser werden, als die Skizze. – Mein Schreibzeug macht mir immer grösseren Spaß, und Jeder, der in mein Zimmer tritt, muß es bewundern. – Das Wetter ist hier fortwährend schauderhaft; für Sie möchte ich wünschen, daß dies nur eine Münchener Spezialität wäre, denn wenn es auch bei Ihnen so ist, wird sich der Rheumatismus nicht so recht vertreiben lassen. Ich wollte, Sie wären erst schon in Ruhe in Frankfurt! – Meiner Tante sagen Sie, bitte, herzliche Grüsse von mir, und wenn die Rede auf mich kommt, versichern Sie ihr, daß ich Alles in Allem doch ein ziemlich ordentlicher Mensch geworden bin; sie hat mich nämlich von meiner Jugendzeit her als einen kleinen Schmierfink in Erinnerung, der in den Zimmern Alles durcheinanderwirft, schlecht angezogen galt, das Geld zum Fenster hinaus wirft etc. Constatiren Sie dem gegenüber, wie wohlassortirt und ordentlich meine Wäscheschubladen aussehen, in die Sie ja einen Blick geworfen, und die nicht etwa eigens präparirt waren wie die russischen Dörfer vor Ankunft des Kaisers.
Fahren Sie fort, mir durch Postkarten über die Veränderungen Ihres äusseren Lebens zu berichten; wie es mit dem inneren aussieht, kann ich mir dann schon selbst construiren. Es muß ja wohl bald besser werden und die Sonne durch die Wolken brechen.
Herzliche Grüsse an Frl. Marie und Felix. Vergeblich habe ich bisher auf ein Zeichen der durchreisenden Frl. Eugenie gewartet; sie wird hoffentlich jetzt auch bei Ihnen sein.
Leben Sie wohl. In Verehrung und Herzlichkeit
immerdar Ihr getreuer

Hermann Levi.

München Sedan 78.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 770ff.
 



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