15.07.2019

Briefe



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ID: 19884 Brieftext


Geschrieben am: 10.11.1878
 

Liebe Frau Schumann!
Daß Sie inmitten aller Ehren und Festlichkeiten noch Zeit gefunden haben, meinen Brief zu lesen, und gar etwas Freude an ihm zu haben, hat mich unendlich gefreut. Ich weiß nicht mehr, was ich geschrieben habe, wohl aber, daß ich während des Schreibens in gehobenster Stimmung war, und daß mich ein freudig-stolzes Gefühl bewegte: an solchem Tage auch dabei sein zu dürfen. Und was so von Herzen kam, mußte ja wohl auch ein wenig zum Herzen sprechen. Ich habe mir von einem Augenzeugen ausführlich berichten lassen, und auch viele Berichte gelesen; es muß wunderbar gewesen sein, und ich begreife nur nicht, daß Sie noch haben spielen können. Aber so sind Sie einmal; wenn die Kunst ihr Recht fordert, lassen Sie Ihre Person zurücktreten; gewiß hatten Sie schon beim ersten A-moll-Tutti Ihre Bewegung bemeistert, und Menschen und Welt und Jubiläum vergessen. Diese Ihre Eigenschaft, immer in etwas Höherem aufzugehen, niemals persönlichen immer nur idealen Zielen zuzustreben, würde ich vor Allem anführen, wenn Jemand von mir verlangte, ich solle Ihr Wesen, das was Sie Besonderes haben, mit einem Worte schildern. –
– Meinen Geburtstag habe ich Diesmal sehr vergnügt gefeiert, denn meine Gedanken waren bei meinem Vater, der an demselben Tage sein Jubiläum beging. (Ich dachte, Sie wüssten den Tag, da Sie nur nach der Zahl der Jahre fragen.) Nächstes Jahr feiert er sein 50-jähriges Amts-Jubiläum. Nächste Woche wird er auf 8–14 Tage zu mir kommen. Er schreibt ganz beglückt über die vielen Zeichen der Anhänglichkeit, die ihm von allen Seiten zugekommen; mein Bruder mit seiner Frau war dort, die Universität hat ihn sehr geehrt, und wenn ihm nun noch sein Söhnchen die Freude macht, ihm eine schöne, aber reiche Schwiegertochter zuzuführen, so fehle ihm, meint er, nicht Viel mehr zum Glücklichsein. Aber dazu ist vorerst noch keine Aussicht; gewisse Dinge sitzen noch zu fest. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. – Ich werde meinem Vater sagen, daß er durch Frau Feidel um einen Gruß von Ihnen gekommen ist. – Nun habe ich eine Sünde zu beichten: Die Tischchen habe ich erst vor einigen Tagen bestellt; hatte ganz deren vergessen. Entschuldigen Sie mich! Auch weiß ich nicht mehr, ob ich Ihnen eine Portrait-Büste von Gluck oder von Voltaire versprochen habe. Gluck haben Sie wohl schon? Mein Gedächtniß nimmt ab; thun wohl die 39 Jahre! – Bezüglich des Conzertes rechne ich auf einen Tag im December. Am ersten Weihnachtstag wäre es Ihnen wohl nicht möglich? Doch wollte ich diese Frage gestellt haben, da Sie dann keine Stunde an dem Conservatorium versäumen würden, und es dem Orchester am liebsten wäre; ein schönes Bäumchen wollte ich Ihnen hier auch putzen, und die Familien-Bescherung könnte am Ende auch Neujahr stattfinden?? Geht das nicht – und ich fürchte fast, daß Sie schon die blose Frage unverschämt finden, so werde ich Ihnen einen andern Tag im December vorschlagen. Es bleibt wohl beim G-dur Conzert? Es ist lange nicht hier gespielt worden. Auch das Schumann’sche seit 3 Jahren nicht. – Lenbach ist während des ganzen December hier, und freut sich darauf, Ihr Bild fertig zu machen. – Gestern habe ich im II Abonn. Conzert die Sinf. fantastique von Berlioz aufgeführt. Das ist doch ein kurioser Kerl; kein Tact, der mich erwärmte, aber auch keiner, der mich nicht interessirte; keine Spur von eigentlich schöpferischer Kraft, keine Melodie, keine gackernden Rythmen, und doch geistreich von Anfang bis Ende; ein aechter Franzose. Es wäre entsetzlich, wenn seine Richtung Boden gewänne, aber ganz vergessen zu werden, verdient er auch nicht, schon weil die Sachen für das Orchester höchst instructiv sind. Das Publicum schien sich zu amüsiren, wenigstens war die Opposition nicht so stark und wohlorganisiert, als im vorigen Jahre bei der C-moll von Brahms. – Eine sehr niedliche, von Reinecke ausgegrabene Ballet-Musik aus Ali-Baba von Cherubini klang sehr gut. Im Uebrigen steht es traurig um Concert-Novitäten! – Soviel für heute. Wenn Sie mir wieder schreiben, lassen Sie etwas über Ihre Schule einfliessen! Ist Raff so freundlich geblieben, wie er sich im Anfang Ihnen gezeigt? Haben Sie talentvolle Schüler? Strengen Sie sich auch nicht zu sehr an? Viele Grüsse an Frl. Eugenie und Felix. An Frl. Marie lege ich ein Briefchen bei. Immerdar in Verehrung und herzlicher Anhänglichkeit Ihr getreuer
Hermann Levi.

München 10. November 1878.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 778-781
 



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