15.07.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 19890 Brieftext


Geschrieben am: 10.05.1879
 

Liebe Frau Schumann!
Herzlichen Dank für alles Mögliche: für Ihren lieben, langen Brief, für die Photographie, und für das Pfeifchen. Letzteres werde ich in Ehren halten, so lange die Erinnerung an den lieben Menschen in mir leben wird, und das wird sehr, sehr lange sein. Je älter man wird, desto mehr lebt man in der Vergangenheit; so tauchen mir recht oft Bilder aus Baden-Baden und Ihrem Häuschen auf, ganz unwillkürlich, ohne daß ich sie hervorrufe, und ich sehe den kleinen Felix mit seinen träumerischen Augen und seinen selten langen Wimpern, große Steine in die Oos tragen zu einer Brücke, oder höre ihn, den sonst so Schweigsamen, beredt und trotzig-empört über seinen Berliner Professor sprechen, der ihn so gar nicht verstehen wollte – wie sehr begreife ich, welche Mühe Sie haben mußten, alle Erinnerungen so weit zurückzudrängen um der Gegenwart leben zu können, und von Herzen hoffe ich, daß die gefasste Stimmung, die aus Ihren letzten Zeilen spricht, anhält, und bald vollständiger Ruhe weicht. Uebrigens ist es wahrlich leichter, Menschen durch den Tod zu verlieren, als im Leben und durch das Leben. Hiervon weiß ich ein Liedlein zu singen. – –
Nun vor allem die Beantwortung einiger Fragen. Lenbach lässt Sie herzlich grüssen und Sie bitten, ihm nicht zu zürnen; er werde die Bilder ganz sicher und spätestens im Laufe des Sommer’s fertig machen und werde sich alle Mühe geben, Sie für das lange Warten zu entschädigen, indem er sich bei der Ausführung die allererdenklichste Mühe gäbe. – Hanfstängl sagt, er könne die grossen Bilder nicht billiger liefern; es sei bei jedem einzelnen Exemplar viel Mühe und Arbeit. Ganz fremden Menschen würde er 30 Mark berechnen. Ueber sein „registered“ habe ich ihn noch nicht interpellirt, bis ich Näheres von Ihnen erfahre. – Die Briefe Wagner’s betreffend, so kann ich wohl einen Rath geben; wenn Ihre Kinder gegen die Rückgabe der Originale (nur darum handelt es sich wohl) sind, so ist das Gefühlssache, und da lässt sich nicht streiten, noch zureden. Ob Wagner die Briefe Schumann’s noch hat, bezweifle ich sehr – denn er hat ja bis in die 60er Jahre ein Nomadenleben geführt. Doch werde ich nächstens anfragen. Frau W. will dereinst ihrem Sohne eine vollständige Sammlung von Manuscripten Ihres Mannes hinterlassen; Glasenapp ist ihr sehr behilflich, stöbert in den entferntesten Winkeln jeden Federstrich Wagner’s auf, sodass die Sammlung schon eine ziemlich vollständige ist. Daß die Briefe Wagner’s an mich und sein von Lenbach gemaltes Bild nach meinem Tode an seine Familie zurückgehen, ebenso wie das Manuscript der B-dur-Sinfonie an Sie – dafür habe ich (und zwar notariell) Sorge getragen. –
Ich bin von den Anstrengungen des Winters, die diesmal aussergewöhnlich stark waren, recht ermüdet. Zehn Conzerte und der ganze Operndienst ist zuviel für einen Menschen. Ich sinne vergeblich, wie ich mir Erleichterung schaffen kann; glücklicherweise hat sich meine Gesundheit sehr gefestigt und ich bin bestrebt, durch möglichst vernünftiges Leben mir dieses Gut zu erhalten. Grosse Freude hatte ich an einer – bis auf die mittelmässige Besetzung der Altparthie – sehr gelungenen Aufführung der Passionsmusik. Ein sehr verständiger Dilettant hörte die Passion diesmal hier und in Frankfurt, und der Vergleich fiel gar nicht zu unseren Ungunsten aus, besonders was die Chöre betrifft; diese sind hier nämlich fast ausschliesslich von Fach-Sängern (Vokalkapelle und alle Kirchen-Chöre der Stadt zusammen) gebildet; da packt eben Jeder an; eine Unsicherheit im Einsetzen kann nicht vorkommen, und da das Einstudiren der Noten bei diesen Alles vom Blatt Lesenden keine Mühe macht, kann die ganze Aufmerksamkeit bei den Proben auf den Vortrag gerichtet werden. Vogl als Evangelist war wunderbar; ich hatte vorher viel mit ihm gestritten, er war mir zu weich, zu empfindsam, zu wenig objectiv, in der Aufführung aber sang er so nach meinem Herzen, daß ich ganz entzückt war. – Die D-dur von Brahms hatte, wie das bei unserem Publikum nicht anders vorauszusehen war, einen sehr mässigen Erfolg. Aber soll ich Ihnen gestehen, daß auch ich die C-moll weitaus vorziehe? Ich kenne kein Stück von Brahms, welches mir so unsympathisch wäre, wie das Adagio; das ist nicht warm aus dem Herzen gequollen, sondern mühsam, wenn auch mit großem Geschick zusammengeleimt; gleich im Anfang stockt es, bei der ungelenken Cellophrase: XXX
Diese Wiederholung derselben Harmonie XXX stört mir allen Fluß, und ich kann nicht mehr folgen; auch das zweite Thema mit den Synkopen sagt mir Nichts. Der dritte Satz ist ganz reizend, aber ich wollte, er stünde in einem Kammermusikstück oder wenigstens in einer Serenade; wenn einmal ein grosses Orchester versammelt ist, so gilt das Goethe’sche Wort: „Wenn ich judiciren soll, verlang’ ich auch das Maul recht voll.“ Aus einem Marmorblock soll man keine Nipptisch-figürchen schneiden, und von einem Sinfoniesatze sollte man nie sagen dürfen, daß er niedlich und reizend ist. Selbst gegen den ersten Satz habe ich Bedenken, die aber schriftlich zu erörtern zu schwer und zu lang ist; nur der letzte scheint mir wirklich und in allen Theilen vollendet. Wenn ich an frühere grosse Werke von Brahms denke: das G-Dur-Sextett, das Klavierquintett, das Klavierkonzert, die ich heute noch in gleichem Maße, ja mehr noch wie ehedem, bewundere, oder wenn ich frühere Liederhefte mit dem letzterschienenen vergleiche, so muß ich zu dem Schlusse kommen, daß entweder mein Urtheil sich getrübt hat, oder Brahms nicht vorwärts gegangen ist. Es wird wohl das Erstere der Fall sein. Warum sage ich Ihnen Alles das? Sie werden sagen: was versteht so ein Wagnerianer von Brahms – auch wollte ich sehr, ich hätte Unrecht--Was Sie von Stockhausen schreiben, ist zu sehr betrübend; der Mann sollte doch endlich einmal zur Ruhe kommen und sich in Menschen und Verhältnisse zu finden lernen. Gilt hier am Ende wieder das Sprichwort: „où est la femme?“ (womit ich natürlich nicht seine eigene meine). – Sie schreiben Nichts von Devrient und Frank! Um Letzteren ist mir nicht bang, der wutzelt sich durch, aber was will Devrient anfangen? Er muß wohl wieder Schauspieler werden, denn ich fürchte bei einer schriftstellerischen Thätigkeit wird er noch mehr Enttäuschungen erleben, als bei der dramaturgischen; seine Rechtfertigungsschrift, die ja ihrem Inhalte nach vorzüglich, und gewiß durchaus wahrhaft und ehrlich ist, ist stylistisch sehr bedenklich – schreiben Sie mir, bitte, gelegentlich Etwas über Beide! – Daß Sie über Dietrich’s Oper, trotz aller vorhandenen Disposition zum Loben, so kühl sind, lässt mich fürchten, daß ich Recht habe. Für Alles, was nur geschickt gemacht ist und „reizende Stellen“ enthält, werde ich immer unempfänglicher. (Ein indischer Spruch sagt: „Nicht das Schlechte ist schlecht, denn es täuscht nur selten; das Mittelmäßige ist schlecht; da es für gut kann gelten.[“]) Das Textbuch erschien mir als die Arbeit eines feinsinnigen Dilettanten, die Musik – vortreffliche Kapellmeister-Musik. Aber – was versteht so ein Wagnerianer von Opern! – Soviel schrieb ich heute früh; inzwischen war ich wieder bei Lenbach, stellte ihm vor, er möge doch einmal eine Abschlagszahlung in Form einer Skizze machen; drauf holt er eine, und versprach, sie binnen wenigen Tagen abzuschicken; das wird er auch ganz gewiß thun, nur müssen Sie eben bedenken, daß es eine Skizze ist.
Er spricht immer mit grosser Wärme von Ihnen, und nur weil er ein ganz exquisites Bild von Ihnen machen möchte, ist er bisher nicht daran gegangen; er lebt seit Monaten in einem grossen inneren und äusseren Trouble. – Daß Sie soviel Stunden geben, gefällt mir gar nicht sehr; den Nachmittag sollten Sie sich doch wenigstens ganz frei halten? Wie ist die denn, die bei Ihnen wohnt? – Wollen Sie inliegenden Brief des Herrn van Baalen von Rotterdam freundlichst lesen, und mir sagen, was ich ihm antworten soll? Das beste ist wohl, er kommt mit seiner Tochter nach Frankfurt, um letztere von Ihnen prüfen zu lassen? Würden Sie eventuell das Mädchen in Ihr Haus aufnehmen? Daran scheint van Baalen viel gelegen; die Töchter sind alle sehr nett und wohlerzogen. Der Brief ist schon 14 Tage alt; ich konnte Ihnen aber bisher nicht schreiben wegen grosser Arbeit. Der ganze Nibelungen-Cyklus (in theilweise neuer Besetzung) für den König allein, dazwischen das Neustudium einer Oper, gleichfalls für den König (Roi de Lahore, greuliche Musik). Auch heute muß ich noch wegen der Eile, mit der meine Feder fließt, um Nachsicht bitten! – Mein Urlaub fängt schon am 21. Mai an. Wahrscheinlich gehe ich direkt nach Paris – vielleicht, wenn mein Geld reicht, auf 8 Tage nach London. Bei meiner Schwester in Mamers werde ich auch 1–2 Wochen bleiben, so daß mir nur etwa 3 Wochen für einen Landaufenthalt übrig bleiben. Wo werden Sie zwischen dem 20 Juni und 20 Juli sein? Am 20 Juli muß ich nämlich wieder hier sein und bleiben – wegen der Ausstellung. – Auf dem Wege nach Paris in Frankfurt einzukehren, ist mir ganz unmöglich; es müsste denn incognito geschehen, was schwer durchzuführen. – Frau Fidler ist gestern abgereist; sie hat durch ihren Mann, der wirklich ein seltener Mensch ist, sehr gewonnen; ihr Wesen ist ruhiger, gehaltener geworden; nur ist zu fürchten, daß ihre Sicherheit am Ende gar zu groß wird; „es ist Nichts schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen“. – Frau Eller und Allgeyer erwiedern Ihre Grüsse auf’s herzlichste. Diese beiden Menschen sind sehr viel in meinem sonst sehr concentrirten, ja einfachen Leben. Frau Eller verzieht mich recht, und das schmeckt einem alten Junggesellen sehr gut. Wenn ich nur über Allgeyer’s Zukunft beruhigter sein könnte! – – Sie vergessen doch nicht beim Arrangement Ihrer Conzerte, daß Sie mir einen Tag im November oder Dezember zugesichert haben? – Haben Sie gute Nachrichten aus New-York? Jetzt muß ich aber schleunigst in’s Theater – leben Sie wohl, liebe Frau Schumann, haben Sie nochmals Dank für Ihren lieben Brief; bereuen Sie es doch niemals, wenn Sie sich über persönliche Dinge etwas mehr gehen lassen, – Sie wissen, daß ich wenigstens das Bestreben habe, Alles was Sie mir sagen und was Sie betrifft, gut zu verstehen
Viel Herzliches an Ihre Kinder! Immer treu und ergeben
Ihr
Hermann Levi.

10. Mai 1879.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absender-Institution:
  Absender Ort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 798-803
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.