15.07.2019

Briefe



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ID: 19938 Brieftext


Geschrieben am: 10.12.1890
 

München. 10.12.90.
Verehrte Frau Schumann!
Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie meines Geburtstages gedachten und ihn so schön – f moll – gefeiert haben! Von allen Seiten hörte ich, daß sie schöner und feuriger gespielt hätten, als nur jemals zuvor, und Ihr lieber Brief bestätigte mir, daß Sie auch gar nicht besonders angegriffen waren. Da darf man dann wohl dem lieben Gott, der das ganze Jahr so viel Klagen anhören muß, dafür danken, daß er auch einmal seine Sache gut macht und einem Menschenkinde andauernd Gutes zuwendet – Unberufen
Unberufen!!!
Hoffentlich gehn Sie so weiter und weiter – immer hinter meinem Vater her, der als 84jähriger (!) morgen eine Enkelin in Karlsruhe kopulirt, und demnächst hier eine Hochzeit vollzieht – (leider nicht meine!) . . . . Daß Frl. Marie meinen Wagner-Band so lange behält, lässt mich darauf schliessen, daß er ihr arg gut gefällt? Soll ich auch die übrigen 9 Bände schicken? Meine Freude über diese reuige Sünderin wäre grösser, als über 1000 Gerechte!!
Ich bin seit 10 Tagen zu Hause, laborire wieder an Husten und Heiserkeit, doch geht es bereits besser. Fiedler’s geht es gut; sie besuchen mich zuweilen, sind überhaupt immer gleich gut gegen mich. – Mein Vater theilte mir mit, daß er Frl. Eugenie geantwortet habe. (Das ist aber eine sonderbare Idee, sich mit Juden zu befassen, wenn man es gar nicht nöthig hätte…?) – Hildebrand hat ein Modell für einen Monumental-Brunnen gemacht (der 200,000 M. kosten soll) und wird sicher den Auftrag bekommen, wenn nicht noch in letzte Stunde die eingesessenen Münchener Künstler beim Regenten intriguiren. Der Ministerrat, der den Auftrag zu vergeben hat, hat sich einstimmig für H. ausgesprochen. Sein Entwurf ist prachtvoll.
Auch ein Medaillon von Fiedler ist sehr gelungen. Herrlich fand ich auch seine Büste von Frau v. Stockhausen, die hier ausgestellt war, aber natürlich von Publikum und Kritik gänzlich unbeachtet blieb.

11 Dez. Gestern Abend kamen noch Fiedl. zu mir; ich fragte Frau Mary, ob sie nicht an meinen Brief Etwas anfügen wolle, sie meinte aber, sie habe ein so schlechtes Gewissen, daß sie länger ausholen, einen langen Brief schreiben müsse, der nächster (?) Tage abgehen werde. Aber die herzlichsten Grüsse hat sie mir aufgetragen.
– Hier ist ein sehr tüchtiger Musiker Dr. Sandberger, Bibliothekar an der Staatsbiblioth. (der kürzlich bei Fritsch über ein aufgefundenes Duett von Schumann berichtete.) Wäre es Ihnen recht, wenn er Etwas über das Manuscript der B-dur-Sinfonie – dessen Differenzen mit der gedruckten Partitur etc. schriebe? Ich meine, das könnte ganz interessant werden?
Nun leben Sie wohl liebe und geehrte Freundin. Ihren Kindern herzliche Grüsse. Immer in alter Anhänglichkeit
Ihr
Hermann Levi.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absender-Institution:
  Absender Ort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 905f.
 



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