25.02.2022

Briefe



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ID: 20675
Geschrieben am: Dienstag 01.03.1859
 

Dresden d. 1. März 1859.
Lieber Herr Kirchner
Schon früher hätte ich Ihre freundlichen Zeilen beantwortet, doch wollte ich gern die gewünschten Blätter beilegen, konnte aber erst am letzten Tage an Beethoven’s und Schuberts [sic] Grab kommen. Es war garnichts da zu finden, als beifolgende wenige verkümmerte Blättchen, die Gräber bestehen nämlich nur aus einem großen Stein, um den herum et-was Gras, sehr spärlich, gepflanzt ist. Daß ich aber nicht eher die heiligen Stätten besuchte, lag nicht an mir – ich habe in Wien so angestrengt gearbeitet, daß ich ordentlich lächeln mußte, als Sie mir schrieben „Sie dächten sich mich im schönen Wetter spazierenfahrend[“] ect. An solches konnte ich in Wien nicht denken, denn die Stunden und Soireen nahmen meine ganze Zeit in Anspruch. Ich lege Ihnen hier die Programm’s meiner Soireen bei, erstens, weil sie mir selber gefallen, dann, weil Sie sehen, daß auch Sie nett vertreten wurden. Das herrliche Lied: [„]Du wundersüßes Kind“ sang Frau Dackmann (?) hinreißend, und gefiel außerordentlich. Die Clavierstücke spielte ich aber auch nicht schlecht (glaube ich) und gefiel namentlich das Erste sehr. Daß die Präludien nun bald kommen, freut mich – was noch mehr? – Sie sind ja so fleißig wie mir Rieter schrieb?
An unser Begegnen in Wiesbaden denke ich, wie Sie ganz recht vermuthen, ungern, doch neulich hat mich das schöne wundersüße Kind gleich ganz wieder ausgesöhnt. An die Schweizer Lieder, noch mehr aber an die Freunde denke ich oft und gern. Gar zu gern käme ich im Sommer einige Wochen hin! – Hätten doch die Basler mich eingeladen, da wäre es mir erleichtert worden, die Reise hätte mir das Concert noch gezahlt. Den Artikel von ? Scholstdeck ? – kenne ich nicht, habe aber Gutes auch von Anderen davon gehört. Aber es kommen in den besten Aufsätzen immer so viele Dummheiten vor, daß ich mich immer fürchte sie zu lesen. Es wird wohl überhaupt bald Zeit an die Biographie zu denken, die ich freilich eigentlich erst für später beabsichtige.
In Wien ist Robert außerordentlich anerkannt, was mir viel Freude gemacht. Leider konnte ich meinen Lieblingswunsch, das spanische Liederspiel mit Begleitung aufzuführen nicht realisieren, weil ich es nur mit Theatersängern besetzen konnte und kein Tag zu finden war, wo sie alle frei gewesen wären. Ich habe furchtbar viele Mühe, Lauferei deshalb gehabt – gar zu gern hätte ich es auch Rieter zu Gefallen zu Stande gebracht. Sagen Sie es ihm, auch daß seine letzte Sendung noch in Wien mich traf, das heißt das Concert. Jedoch konnte ich die Photographien den Tag nicht mehr bekommen und den andern Morgen reiste ich ab. Ich habe nun gebeten, daß man sie mir nachschickt.
Sie müssen schon meine schreckliche Schrift entschuldigen, dieses ist heute schon der 5te Brief, den ich schreibe und ich schon einigermaßen dumm im Kopfe. Gestern hier anlangend fand ich so viel Briefe vor, daß ich kaum weiß wohin antworten.
So grüße ich Sie denn schließlich nun noch recht freundlich – kömmt Ihnen einmal Schreiblust an, so ist meine Adresse in Berlin immer sicher und in mir Ihnen eine dankbare Empfängerin
Grüße an Rieter s
herzliche Ihre
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
65-68

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 7 f., Nr. 4.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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