25.02.2022

Briefe



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ID: 20677
Geschrieben am: Donnerstag 18.08.1859
 

Wildbad d. 18 Aug. 1859.
Meine heutigen Zeilen lieber Herr Kirchner, sollen Ihnen nur noch einige Andeutungen über Ihre Reise geben. Von Baden hierher geht keine Gelegenheit, sondern nur von Mühlhausen u Bruchsal Omnibusse, aber haben Sie Lust eine Fußparthie zu machen, so soll der Weg von Baden hierher durch die Thäler wohl der Mühe verlohnen. Leider kann ich nicht nach Baden, ich hatte es mir früher erst vorgenommen, jedoch da ich noch so Manches in der Schweiz vorhabe, so will ich die Kräfte meines Geldbeutels nicht schon vorher zu sehr in Anspruch nehmen, um so weniger als Baden enorm theuer ist. Ich freue mich herzlich daß Sie kommen, bin aber froh, daß es nicht früher geschah, denn ich war 10 Tage recht unwohl und bin noch immer nicht ganz hergestellt. Ich hatte mich wohl zu viel angestrengt, während ich in Nichtsthun hätte verbringen sollen, dazu kam die sehr traurige Gemüthsstimmung, die sich natürlich bei der nöthigen Thatlosigkeit verschlimmerte. Sie glauben nicht, wie sehr ich immer wie unendlich schwer ist das! Plötzlich Allein zu stehen mit einem Herzen voll Liebe und Hingebung – ihm zu leben war ja mein Leben!
Könnte man doch mit dem Geliebten das Herz begraben, das aber schlägt fort u fort u blutet immer neu – doch, ich sehe mit Schrecken, wohin ich gerathe! –
Leider bin ich durch das Unwohlsein sehr im Spielen unterbrochen worden, u hat mich Ihre Aeußerung, ich sollte Ihnen recht schöne Dinge vorspielen, erschreckt. Der schönen Dinge giebt es so viele garnicht, verstehen Sie darunter „Neues“? – Ich beschäftige mich im Sommer immer sehr viel mit Altem – Bach-Suiten, Var. etc. Anderes außer Roberts wenig. Nun Sie werden sich ja bald überzeugen. Denken Sie Arnold schreibt mir gestern, daß er von Whistling die Märsche op 70 an sich gekauft u 4 händig habe setzen lassen – ich schrieb ihm gleich, daß Sie bereits das Arrangement gemacht etc. – Wie ärgerlich! ich bat ihn mir Sein’s zu schicken.
Von Stockhausen hörte ich auch Nichts – doch an Concerte in Zürich denke ich jetzt nicht, – die Aristokraten könnten mich eher dazu bringen Keines zu geben, hätte ich es beabsichtigt.
Adieu, bitte spielen Sie nicht in Baden damit Sie heiter wieder sieht
Ihre herzlich grüßende
Clara Schumann.



  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Wildbad
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
80ff.

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 19 f., Nr. 8.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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