25.02.2022

Briefe



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ID: 20679
Geschrieben am: Montag 20.02.1860
 

Hannover d. 20 Fbr 1860.
Hier in Hannover hat mich Ihr Brief, lieber Herr Kirchner, erreicht u ich eile Sie zu benachrichtigen, daß ich gern bereit bin, das Instrument für die Familie in Basel auszusuchen, nur muß ich wissen, ob von Erard oder Broadwood? Beide sind herrlich, Broadwood aber theurer, freilich früher, der Ton weich u voll, nicht von dem silbernen Zauber wie Erard, aber, im Vertrauen gesagt, von mehr dauernder Schönheit. Erard wissen Sie, bleibt nur 2–3 Jahr schön, Broadwood zehn u mehr. – Wenn Sie wollen kann ich von London auch schreiben, u genau den Preis beider. Ich spiele, wie Sie wissen, immer auf beiden, abwechselnd, bin folglich von Keinem auch abhängig. Speciell ist das nicht gut für mich, doch Sie kennen mein Prinzip – ich kann nicht Partei ergreifen für Einen, wo beide so große Verdienste haben. Als ich Ihre Zeilen erhielt, war gerade Stockhausen bei mir[,] er grüßt Sie.
Wir haben hier einige schöne musicalische Tage gefeiert. Die Concerte unter Joachims Leitung gehören zu den höchsten Genüssen die ich kenne. Vollendeteres als unter seiner herrlichsten, tiefsinnigen, poetischen Auffassung, mit den herrlichsten Orchesterstücken, einstudierten Simphonien von Beethoven, überhaupt alle großen Orchesterwerke, konnte man kaum hören, und nur Stockhausen erreichte solches. Stockhausen geht nach Holland, ich komme eben von dort u gehe heute nach Berlin, Ende der Woche nach Wien u gleich nach Ostern nach London. Meine Adresse in Wien ist: bei Frau Oser, Wollzeile No. 773. 2t Stock. wenn Sie mir etwa etwas wegen des Instrumentes wissen lassen wollen. Von Brahms wird wohl erst nächsten Winter erscheinen. Fleißig ist er aber sehr[,] augenblicklich hat er ein Sextett für Streichinstrumente vollendet. Daß Sie garnicht componieren thut mir leid, obgleich es mich nicht überrascht – mit Ihnen ist nichts anzufangen, oder werden wir überrascht?
Im Sommer denke ich nun wirklich mal einen Monat nach Luzern zu gehen, Sie werden sich wohl wieder nach Deutschland flüchten. Wollen Sie wohl Herrn Rieter sagen, ob er denn garnicht in den Hauptorten z. B. Berlin, Wien, Rotterdam, Leipzig meine Photographie ankündigt? ich werde immer von allen Seiten bestürmt um ein gutes Bild, und je¬der ist entzückt von den Hanfstaengelschen Photographien. Ich meine, er könnte ein gutes Geschäft damit machen, denn, gebe ich auch immer seine Adresse, so geht das Interesse der Leute doch so weit nicht, daß sie darnach schreiben, wenn schon das Feuer der Begeisterung erkühlt ist. Bitten Sie ihn doch auch, daß er mir wieder 12 Stück bestellt u sendet, sobald sie fertig. Jeder, der mir einen Gefallen thut, jeder [sic] Familie, bei der ich wohl aufgenommen werde bittet mich darum, und so komme ich von jeder Reise leer zurück. – Grüßen Sie ihn u seine Familie. Sie können vielleicht kaum meine eilige Schrift lesen, ich habe aber sehr wenig Zeit gehabt und nun eben schüttet meine Tochter eine ganze Portweinflasche auf den Brief, ich kann ihn aber nicht noch einmal schreiben, entschuldigen Sie es!
Mit freundlichen Grüßen Ihre
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Hannover
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
83-87

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 22 f., Nr. 10.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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