25.02.2022

Briefe



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ID: 20685
Geschrieben am: Dienstag 30.09.1862
 

Guebweiler d. 30 Sept. 1862
Soll ich ganz offen sein lieber Freund? Dienstag – ich hatte wirklich einige Tage immer gehofft, Sie würden mir wieder mal schreiben, so unmittelbar nach der Trennung verlangt man doppelt nach lebendigen Zeichen, nun, am Sonntag Morgen hatte ich Ihren 2ten Brief, er kam mir gerade, als ich meine einsame Morgenwanderung antreten wollte als ein recht lieber Begleiter, und ich hätte nur gewünscht meine Antwort darauf wäre gleich auch schon wieder bei Ihnen gewesen; ich hatte mir vorgenommen Morgens zu schreiben, da kam aber so Vielerlei dazwischen, daß es unmöglich wurde, und gestern hab’ ich hier eine Soireé, die mich in die ungemüthlichste Stimmung versetzte, denn, es war seit langem, daß ich zum ersten Mal wieder öffentlich spielte, und da habe ich immer das Gefühl, ich müßte wohl eigentlich aufhören. –
Jetzt lassen Sie mich aber vor allen Dingen Ihnen für Ihre beiden Briefe die Hand drücken. Ich hätte Ihnen so vieles darauf zu sagen, weiß aber nicht recht wo anfangen. Wissen Sie, wen ich einmal lieb habe, da ist es dann auch mit der ganzen Kraft u mit der Seele, dann fehlt mir im Verkehr aber auch gänzlich das, was die Leute Klugheit nennen; mir kommt diese immer schon vor wie ein Mensch vor dem man kein Vertrauen hat, ich meine vor dem Freunde dürfte das Herz offen dar liegen mit seiner Stärke u Schlacken, u sei es an dem Freunde die Schwäche liebevoll zu verdecken. – Doch, ich habe vielleicht einen zu idealen Begriff von Freundschaft, und also unrecht. Mündlich kann ich Ihnen Manches in Bezug hierauf sagen, schriftlich wüßte ich es vielleicht nicht richtig auszudrücken. Wie wird das nun werden? Kommen Sie wieder nach Basel wenn ich komme? Dann müßten Sie aber, da Sie nächste Woche dort spielen,7 2 mal die Reise machen? Ich wünschte Ihr Spiel dort wäre auf eine andere Zeit gefallen, denn, hart ist es mir Sie so nahe zu wissen und nicht zu sehen! Kommen würde ich aber nicht, nicht weil Sie meinen, Sie könnten nicht vor mir öffentlich spielen, sondern aus andern Gründen, die ich Ihnen später sage! Ich glaube nicht, daß ich hier so lange aushalte, zwar geschieht Alles was sich an Comfort, im Aeußeren, schaffen läßt, auch ist Frau Schlumberger eine sehr liebenswürdige Frau, aber wie ich schon schrieb Ihnen, warm wird man hier nicht – jetzt werden Sie mich ausla¬chen, noch nicht mal eine Cigarre habe ich gesehen, seit ich hier bin! – Das ist für mich schon ein großer Mangel an Gemüthlichkeit! – Also werde ich wohl früher von hier gehen (aber nicht wegen Mangel an Cigarren). – bitte sich nicht zu moquiren, sondern, weil meine Kinder nach Berlin müssen, ich dann allein hier bleiben müßte, u das hielt ich wahrlich nicht lange aus. Was denken Sie nun darüber? – Glauben Sie, daß Riggenbach’s mich gern noch etwas länger bei sich aufnehmen, offen gesprochen? – glauben Sie denn, daß ich in Basel so etwa um den 20–23. eine Soireé geben könnte? Daß Herr Riggenbach mir das arrangieren würde? – und glauben Sie, daß ein gewißer Theodor Kirchner mit mir für 2 Klaviere spielen würde?? – Wollen Sie mir das mal recht bald schreiben? – und wenn Sie in Basel sind mit R. sprechen? ich sehe eigentlich nicht recht ein, warum ich in Basel, da ich doch vielleicht 8 Tage dort bin, nicht einmal spielen sollte, ich muß jetzt daran denken wieder Etwas zu verdienen. Darf ich Sie nun eigentlich bereden nach Basel zu kommen? Versäumen Sie nicht gar zu viel? als rechte Freundin müßte ich mir sagen „Kommen Sie nicht!“ – Das aber verlangen Sie nicht von mir! Augenblicklich kann ich Ihnen von hier das Angenehme berichten, daß das Trio sehr gut ist, Lübeck spielt ganz reizend Cello.
Wir haben gestern Mendelssohnsches 1t Trio (es war mir nachdem ich es wohl an 15 Jahren nicht gespielt, recht lieb wieder.) gespielt u es ging wunderschön, wurde auch, als ein Trio, merkwürdig frisch aufgenommen, sogar enthusiastisch. Das Concert war aber nicht so besucht, wie es wohl hätte sein können, und das Quartett hatte 8 Tage zuvor, wie Sie wissen, eine Soireé gegeben u hatte 3 große Streich Ensemblestücke gespielt, dazwischen hatte Stockhausen noch 2 mal gesungen und hatte das ernsteste Stück am Schluß gegeben, weil er behauptete „man muß die gefälligen Sachen zuerst spielen, damit das Publikum animirt werde[“], kurz die Leute hatten am Schluße geschlafen, und es war dann eine Stimme, das Concert sei viel zu lang gewesen. Dies war gewiß Grund, daß manche Leute sich vor einem neuen klassischen Concert fürchteten. Es ist überhaupt eine fixe Idee vor Leuten mit der Classicität es hier erzwingen zu wollen – das geht nur sehr nach u nach. – Bei dieser fixen Idee fällt mir Ihre ein, daß ich plötzlich mal bei Ihnen eintreten könnte! Davor wären Sie wahrlich nicht sicher, wären sonst die Umstände günstiger in Winterthur, wie gemüthlich könnten wir dann musicieren, sonst auch plaudern, aber – wo bleiben? – von Leuten, die ich entschieden nicht mag, kann ich keine Gastfreundschaft annehmen, das käme mir recht malhônet vor. –
Ein herrliches Clavier habe ich hier, recht oft muß ich beim Spielen an Sie denken, wie Sie sich hierauf in den reizendsten Dissonanzen ma¬chen würden? –
Käme ich nur recht zum studieren, aber die Stunden nehmen mir so viel Zeit und dann die endlose Geschäfts-Correspondence, namentlich mit den Pensionsvätern der Kinder; Sie glauben garnicht, welche Schreiberein das sind, eine Stunde sprechen helfen einem weiter als 10 Briefe, und doch muß es sein! Was Sie mir von Frau R. schreiben, brachte mich auf die Bestätigung mancher Muthmaßung, die in mir aufgestiegen waren. Weit entfernt wäre ich aber daran einen auch nur leisen Schatten auf sie zu werfen, ich könnte nur das innigste Bedauern für sie haben, wäre ihr Herz nicht ganz ausgefüllt durch ihren Mann, u das kommt mir so vor.
Doch, ich habe wohl kein ganz richtiges Urteil über eheliches Glück – wo ich nicht bei Eheleuten die innigste Hingabe von beiden Seiten sehe, die sich ja durch den leisesten Blick erkennen läßt, da sehe ich schon kein Glück, nun wir sprechen noch über Frau R. – Kann ich Ihnen rathen, wie gern thue ich es! Lassen Sie es mich nur immer recht fühlen, daß ich Ihre beste Freundin bin, sagen Sie wenn ich etwas für Sie thun kann, wenn Sie erfreut oder betrübt sind, ich kann Alles mit empfinden, ein so schwer geprüftes Herz wie das meine fühlt Alles noch viel tiefer, als manche Andere, die so glatt durchs Leben gehen!
Von Ihren Morgenspaziergängen schreiben Sie mir nichts im letzten Brief? Haben Sie sie wieder aufgegeben? – seitdem ich so gemüthlich mit Ihnen gewandert, wird mir dieser Gang jetzt allein recht schwer; – ich komme immer traurig nach Haus. Ueber manches schriebe ich Ihnen noch gern, auch als Antwort auf Einiges in Ihren Briefen, doch höre ich eine Schülerin nahen und da muß ich nun schließen.
Schreiben Sie mir bald, mein lieber Freund, und denken Sie sich mich nie als Ihre böse, sondern immer als gute Freundin Clara Schumann.
P. S. Die Kinder grüßen schönstens.
Haben Sie über eine Soireé in Winterthur nachgedacht, in der ich mit Ihnen spielen könnte? – die Sie geben, sonst käme ich nicht. Ich stehe Ihnen vom 13 an zur Verfügung u thäte es so gern, oder, wo Sie es sonst wollen, in St Gallen etwa auch? – Das ließe sich gut vereinigen. Ich habe ja noch hier 14 Tage Zeit. Bedenken Sie es wohl. Natürlich erbiete ich mich nur in Ermangelung des Sängers.





  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Guebweiler
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
111-115

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 45–51, Nr. 19.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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