25.02.2022

Briefe



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ID: 20686
Geschrieben am: Sonntag 05.10.1862 bis: 06.10.1862
 



Baden. d. 5 October 1862. Sonntag Abend
Was sagen Sie wohl dazu, theurer Freund, daß ich Ihnen heute von hier aus schreibe? Kaum weiß ich recht, wie ich hierher gekommen. Ich habe 3 Tage des Wirrwarrs verlebt, wie ich sie Ihnen kaum beschreiben könnte. Freitag früh kam mir Ihr lieber Brief, und ich hätte Ihnen so gern gleich einen Gruß für Sonntag morgen nach Winterthur geschickt, es war aber unmöglich. Der Telegraf war den ganzen Tag für mich in Bewegung, nach Mühlhausen wegen Concert; hierher wegen des Hauses und nun ist es mein. Nun bringen Sie im Sommer immer einige Zeit bei mir zu nicht wahr? Welch ein bewegtes Leben ist doch dieses! ich kann Ihnen nicht sagen, wie mir um’s Herz war, als ich heute so allein hierher fuhr, meiner neuen Heimath zu, was wird sie u dauernd den gewonnenen Freund mir bringen? Freude oder Schmerzen? – oder beides? – und wie viel dachte ich an meinen geliebten Robert! Sie wissen aber immer noch nicht, wie ich hierher gekommen – also: Stockhausen ging hierher, Viardot’s zu besuchen, nebenbei auch noch mal mit der Frau Becker zu sprechen über das Haus. Da half aber nichts sie ließ es nicht unter 14.000 Thl., er ging von hier nach Strassburg auf einen Tag, während dem erhalte ich Depesche von Benegat. „Madame Schumann für 6 Abende engagirt. gleich Programm schicken.“ Nun denken Sie mal meinen Schrecken, ich hatte ja keine Ahnung was das bedeutet. Stockhausen mußte natürlich abgewartet werden um aufzuklären, er hatte um mich zu überraschen ein Engagement bei Benegat für mich abgemacht um mir die 500 G. die das Haus mehr kostet, als ich geben wollte, gleich zu verschaffen. War das nicht liebenswürdig? mir kamen die Thränen in die Augen, daß ich trotz allem kein anderes Gefühl als das der Dankbarkeit in mir fertig bringe! ich kam mir so herzlos vor, und kann’s doch nicht erzwingen. – Gestern gab ich in Mühlhausen Concert nach großer Alteration wegen des Flügels, ich erzähle Ihnen das mündlich. Nach dem Concert fuhren wir nach Guebweiler, kamen dort Nachts 2 Uhr an, heute früh fuhr ich hierher und nun sehen Sie mich auch gleich am Schreibtisch, damit Sie doch einen Gruß von mir in Basel finden.
Daß Sie garnicht wohl sind, betrübt und beunruhigt mich recht – mir geht es aber auch garnicht gut, und recht trübe Gedanken, auch über Sie lieber Freund verfolgen mich, die muß ich Ihnen aber mündlich sagen. Wie es mich freut, daß Sie sich frei machen wollen, – wissen Sie, aber sollte ich, als rechte Freundin, nicht meinen Aufenthalt zu Ihrem Besten abkürzen? Versäumen Sie nicht gar zu viel? Nun zu Winterthur: wollen Sie es nicht so einrichten, daß Sie Ihre Soireé vor Basel geben? – so etwa in der Zeit vom 15–18? und das Programm, wie wollen Sie es einrichten? Sie müssen doch jedenfalls eine größere Solonummer spielen!
Was meinen Sie zu folgendem:
1. Sonate D dur für 2 Klaviere von Mozart.
2. Gesang.
3. Solo von Ihnen.
4. für 2 Klaviere von Robert.
oder 3–4 Stücke aus dem à 4/m. Album
5. Gesang.
6. Solo von mir, wenn Sie es wünschen sollten? oder nehmen Sie mein solo in die Mitte, Ihres am Schluß oder schließen wir mit der reizenden Mozart Sonate.
Mir ist Alles recht, wie Sie es gern mögen, dasselbe reizende Concert könnten wir am 15. in Winterthur, am 17. etwa in St Gallen wiederholen, oder am 16 u am 19. – Was die Sängerin anbetrifft, so meine ich, abgesehen von Ihren Gründen, die ich nicht rechtfertigen kann, weil ich mich in die Stelle der Andern denke, es wäre wohl einfacher, Sie bäten vielleicht das Alt-Fräulein, welches in Luzern so hübsch sang, aus Zürich? Das ist doch näher u könnten Sie das gleich auf Ihrer Rückkehr in Ordnung bringen.
Ruhen Sie sich ein bischen◊1, das ist Ihnen gewiß ganz gut u Rieter wird Ihnen getreulich helfen. – Wo soll ich aber in Winterthur bleiben? bei Rieter s? da ich ganz allein bin, bleibe ich ungern im Hôtel. Welches Instrument? – Aber von wegen der Soireé in Basel – herausdrechseln wollen wir diese nicht, geht es nicht ohne alle Schwierigkeit, etwa Intriguen – so lassen wir’s, ich bleibe dann doch noch einige Tage in Basel von wegen verschiedenen Gründen. Bitte, versetzen Sie die lieben Riggenbach’s ja nicht in fürchterliche Aufregung, ich komme wahrhaftig nicht dahin um zu verdienen, sondern möglichst mir, und stünde es in meiner Macht, Andern das Leben angenehm zu machen, lassen Sie uns dann recht con amore musicieren, das wird uns nach den beiden Concerten in W. u G. recht behaglich sein. Haben Sie Riggenbachs von meiner Soireé-Idee noch nichts gesagt, so thun Sie es auch gar nicht.
Ich spiele also morgen hier, gehe Dienstag früh aufs Rathaus um mich als Badensische Bürgerin eintragen zu lassen und denke Dienstag Abend während Sie spielen, auf der Rückkehr nach Guebweiler zu sein. Da wird mir denn Muße bleiben Ihrer zu gedenken, und Ihnen recht glückliche Finger zu wünschen u Vieles mehr. – Am 11. gebe ich Concert in Colmar, dann bin ich frei – wäre es, wie der Vogel in der Luft!
Sie fragen mich, ob ich Ihre Handschrift lesen kann? ganz vortrefflich, es bleibt mir nie ein Wort unentziffert. Was soll ich aber sagen? – ich kann meine Schrift oft selbst nicht lesen, da müssen Sie erst recht Nachsicht haben und diese immer, denn selten ist es, daß ich mit Ruhe schreiben kann.
Und heute bin ich wirklich furchtbar müde und doch erregt innerlich, denn, was alles zieht mir jetzt durch die Seele! ich sitze an meinem offenen Balcon, Baden unter mir, heller Mondschein halb Lichterglanz, dahinter die ernsten schweigsamen Tannen, die man so gern ergründen möchte! Es ist wundervoll hier, wie oft möchte ich Jean Paul sein, um Alles aussprechen zu können wie er, was das Herz erfüllt. So denn schnell noch ein Lebewohl, ich hoffe sehr bald auf Nachricht muß mir ja nun bald alles einrichten!
Von ganzem Herzen Ihre
Clara Schumann.
D. l. Riggenbachs meine schönsten Grüße.
Montag Morgen. Ich bringe dieses selbst nach der Bahn, mein Morgenspaziergang heute, vielleicht kann ich aber, da es noch sehr früh, nicht frankieren, bitte also zu entschuldigen. Jetzt rüsten Sie sich wohl zur Abreise? Alles Gute für Sie.



  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Basel
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
115-120

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 51–57, Nr. 20.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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