25.02.2022

Briefe



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ID: 20688
Geschrieben am: Dienstag 14.10.1862
 

Guebweiler Dienstag d 14 Okt Abends
Ich bin recht verstimmt lieber Freund, wie mir Alles quergeht, denken Sie diesen Montag hatte ich eben einen Brief an Sie zugemacht, worin ich Ihnen meine Ankunft in Winterthur für Übermorgen meldete, da erhalte ich eine Depesche aus Colmar von Stockhausen, aus welcher ich ersehe, daß er, anstatt wie ich es mit Ihnen verabredete, mein Concert dort abzusagen, es auf nächsten Sonnabend festgesetzt, die Liste herumgeschickt, Programme gedruckt sind etc. Ich telegraphierte gleich, ob es nicht wenigstens Donnerstag zu geben sei, doch ist dies unmöglich! ich hätte am liebsten entschieden „Nein“ gesagt, doch hätte ich dadurch Stockhausen in peinliche Verlegenheit gesetzt, und schließlich mich um eine, wenn auch nicht brillante, doch nicht zu verachtende Einnahme gebracht. Während ich telegraphiere und berathe hin und her, war es zu spät geworden Ihnen noch mit heutiger Post zu schreiben was recht arg ist, denn nun warten Sie einen ganzen Tag länger und glauben noch gar, es sei mein Verschulden. – Ich kann nun erst Sonntag kommen dann aber so, wie Sie es wünschen, früh von Colmar, Mittags 2 Uhr – 2 1/2. – Uhr in Basel, so, daß ich um 4 Uhr in Olken bin Sie da zu finden, brauche ich Ihnen wohl kaum zu sagen, aber, Luxus ist es allerdings.
Sie irgendwo vor Winterthur schon zu finden, hatte ich im stillen wohl gewünscht, doch hatte sich mein Wunsch bescheiden nur bis Zürich erstreckt. Sie haben dann aber eine recht lange Eisenbahnfahrt und dies mögen Sie ja ungern? – überlegen Sie es doch noch, ob Sie am Ende nicht lieber nur nach Zürich kommen? Ich bitte Sie nun aber, setzen Sie Ihre Soireé auf Montag d. 20. oder Dienstag den 21. an, dann die in Zürich den 22–23. so, daß ein Ruhetag dazwischen ist. Besorgen Sie ja Alles, Saal, Billete, Programme, Sängerin etc. denn ich kann nur bis zum 25ten in der Schweiz bleiben. – vielleicht ist eine Aenderung in Carlsruhe (das Concert dort 2 Tage später) noch möglich, doch darauf ist nicht zu rechnen. Ich muß doch auch Riggenbachs wenigstens einen Tag auf der Rückkehr besuchen, ich käme mir gar so unfreundlich vor, thäte ich es nicht. Wie nun aber das Programm machen? Ich bin zu Simphonischen Etüden ebenso zur Fmoll Sonate, Scherzo v. Chopin oder Cismoll und Gesdur Etüde oder Gmoll Ballade bereit. Richten Sie es ganz ein, wie es Ihnen am hübschesten scheint. Ich finde es nett, wenn wir das Concert mit der Ddur Sonate von Mozart schlössen, da sie so lustig u frisch ist, doch können wir auch damit anfangen. Also bei Rieters soll es wunderschön werden? – Gott, wie fürchte ich mich vor der Frau!
Wollen Sie es übernehmen mich dort anzumelden, ich habe wirklich nicht Zeit zum schreiben. Es wäre mir sehr lieb, fände ich in Basel am Sonntag Morgen einige Zeilen von Ihnen, auf wann Sie die Soireé angesetzt? – und wo ich Sie finde? Noch eins: Könnten Sie nicht vorläufig Programms drucken lassen der [sic] Druck der kl. Programms aber bis Montag früh anstehen lassen? Diese werden dann an der Cassa abgegeben, es wäre gut wir könnten die Einrichtung derselben, noch am Sonntag besprechen. Julie ist noch hier, und bleibt auch die nächste Zeit, Marie ist allein nach Berlin gereist – schmerzlich genug verlasse ich sie. Mde Schlumberger möchte Julie gern den ganzen Winter bei sich behalten, und im Januar mit nach Nizza nehmen. ich weiß aber noch nicht, was ich thun soll. Ich habe übrigens diese Frau recht schätzen gelernt u hat mir das sichere Gefühl ihr, die ich für unsäglich unglücklich halte, etwas durch die Pension manche heitere Stunde verschaffen zu können und den Aufenthalt hier ihr etwas erleichtern. Wäre das nicht, ich hätte es wohl nicht so lange ausgehalten. Ein solch häusliches Leben wie hier greift mir in’s Innerste, das ertrage ich nicht auf die Länge.
Ich kann Stundenlang in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann, darüber nachsinnen, ob den Leuten nicht zu helfen ist; wenn Jedes etwas nur nachgebe, dem Andern nur etwas zur Liebe thäte; doch das ist es eben, wo die Liebe mangelt, da muß man die Hoffnung aufgeben. (Dies ganz im Vertrauen) Stockhausen singt morgen hier die Müllerlieder; wir konnten ihn nicht davon abbringen. Das heißt: Perlen werfen.....! Jetzt komme ich zum Schluß noch mit dem Dank für Ihren heutigen Brief, womit ich am liebsten angefangen hätte. Es kommt immer eins zum andern, was wir mündlich zu sprechen haben – Sie haben mir auch dieses mal Manches nicht beantwortet. Nun denn auf ein frohes Wiedersehn liebster Freund, Sonntag Nachmittag.
Mit innigem Gruß
Ihre Clara Schumann.



  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Guebweiler
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
123-126

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 61–65, Nr. 22.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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