25.02.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 20690
Geschrieben am: Sonntag 02.11.1862
 

Düsseldorf d. 2 Nov. 62. Sonntag Morgen.
Mein lieber Freund.
Ihr Brief hat mich eben so innig froh als traurig gemacht. Sie können wohl denken, wie wohl mir Ihr Vertrauen und Ihre Liebe thut, wie sehr der Gedanke, Ihnen für’s Leben Etwas sein zu können mich beglückt! ach, ich weiß es so gut, wie nichts einem soviel Muth und Kraft zu froher Thätigkeit giebt als das Bewußtsein, daß Einem Jemand recht treu und innig anhängt, Leid und Freude mit empfindet, u das thue ich – Gewiß eine treue Freundin haben Sie an mir für immer. – Aber, seien Sie nicht traurig jetzt in Ihrer Einsamkeit, es thut mir so weh, und ich fürchte es hemmt Ihre Thätigkeit und diese ist es doch, die über die schweren Zeiten der Trennung hinweg helfen muß. Sie werden dies bald wohlthuend empfinden. Denken Sie nur immer an die Freude, die es mir macht, wenn Sie recht fleißig sind, wie will ich mit Ihnen jubeln, ist es Ihnen erstmal gelungen, sich frei zu machen von allen Verbindlichkeiten, und welch schönes Gefühl dieses dann durch eigene Kraft errungen zu haben. Goethe sagt im Faust so schön „nur der verdient sich Freiheit, wie das Leben, der täglich sie erobern muß.[“]
Von meiner Reise will ich Ihnen keine Beschreibung machen, aber sie war schrecklich traurig und ich dachte oft, wenn sie mich sähen, so allein den ganzen Tag mit tausend und aber tausend Gedanken; Sie hätten das innigste Mitleid und Bedauern für mich gehabt. – Wie viel ich Ihrer gedacht, das brauche ich wohl kaum zu sagen. Leider kam ich nicht in einem Tage von Karlsruhe hierher, sondern mußte die Nacht in Cöln im Gasthof zubringen. Andern Morgen kam ich erst zu meiner Freundin und hier erst wurde mir etwas leichter um’s Herz. – Gestern ist nun die Aufführung des Faust vonstatten gegangen, Stockhausen sang wie in Cöln, – herrlich, aber die Aufführung war sonst fast mittelmäßig, die kleinen Soli’s aber, auch das Gretchen, schauerlich, und doch wünschte ich Sie bei jeder herrlichen Stelle (also eigentlich den ganzen Faust) an meine Seite, und doch war ich froh, daß Sie nicht das große Geldopfer gebracht haben, denn der Genuß war eben doch ein oft sehr getrübter.
Denken Sie, was mir passierte, man ließ mich nicht eher in den Saal als bis Alles zum Anfang bereit und zwar unter denen [sic] sehr natürlichem Vorwande es sei im Saal zu heiß etc. – Endlich führt mich Stockhausen hinein, ein Tusch empfing mich, und an meinem Platze stand Gretchen mit einem Lorbeerkranze und wollte mir ihn aufsetzen, was ich natürlich nicht litt. Sie können denken, wie verlegen ich war, ich dachte, wenn doch gleich der Boden unter mir einsänke, dann aber umfaßte ein Gefühl des tiefsten Schmerzes meine ganze Seele, und es brauchte lange Zeit, bis ich meine Gedanken von dem heißgeliebten Mann wieder ganz auf die Musik richten konnte, und eigentlich konnte ich es auch nicht. Welches Werk dieses! und er war mein, ihn durfte ich lieben, ach, und doch wie wenig ist ein ganzes Leben voll Liebe für solche Musik! Ich schicke Ihnen ein paar Blätter aus dem Kranze – Sie lieben und verehren ihn ja so treu! –
Ich habe gestern mit Stockhausen über das Pedal gesprochen, und er schickt es Ihnen, und äußerte nur, „Sie könnten ihm ja so leicht die Freude machen mal in Colmar oder Guebweiler Roberts Quintett in seinem Quartettabend spielen, wenn es Ihnen auch darum zu thun wäre, ihm auch einen Gefallen zu thun.[“] Ja wirklich, das können Sie, Lieber, es ist doch recht viel werth, wenn Sie das Pedal haben. Stockhausen sprach auch davon, wie leicht Sie hier am Rhein mit ihm einige Orgelconcerte geben könnten, nur müßten Sie einige Sachen von Bach recht schön spielen. Ich bin überzeugt, wenn Sie regelmäßig eine Stunde jeden Tag üben, ohne Anstrengung, nur auf dem Pedal, erreichen Sie gewiß volle Sicherheit.
Ich meine, Sie müßten einige der bedeutendsten Sachen Bach’s also zum B. das Pastorale in Fdur, dann darauf die Toccata in Fdur, bmoll – gmoll Fugen mit den erhabendsten aller Präludien, und manches was mir nicht gleich einfällt, immer in den Fingern haben, und können’s gewiß, studieren Sie die Sachen ein mal ein halbes Jahr täglich, dann können Sie wahrlich spielen wo sie wollen. Keiner thut’s Ihnen nach! Wer kann so wundervoll phantasieren? wer versteht es wie Sie der Orgel allen Zauber zu entlocken? soll es denn nur etwas Mangel an Technik sein, was man Ihnen vorwerfen könnte? nein, das darf nicht sein! gewiß mit Ausdauer erreicht man viel, nur das nie u nimmer, was Sie in so reichem Maße besitzen. Nicht wahr, Sie zürnen mir nicht daß ich wieder darauf komme?
Stockhausen giebt Dienstag in Barmen die Müllerlieder, ich begleite sie, und spiele ein Stück, hatte es ihm im Elsaß schon versprochen.
Es ist aber ein weit größeres Opfer, was ich ihm gerade jetzt bringe, als er glaubt, weil ich so furchtbar viel zu thun habe, daß ich mir kaum zu rathen weiß.
Was habe ich in nächster Zeit alles vor, und noch keinen Ton wieder gespielt seit jenem Montag Abend; – ich versuchte es einmal, da kam aber kein Klang in mich, ich hörte gleich wieder auf. Nun muß ich aber mit aller Willenskraft daran – Gott gebe mir Muth! –
Sie schreiben mir doch nach Frankfurt? ich komme am 6ten Mittags dorthin. Schreiben Sie mir doch sooft es Ihnen um’s Herz ist, Sie erfreuen mich aufs innigste dadurch; ich bin nun mal Ihre ganz gute Freundin, die’s am besten mit Ihnen meint, ich muß aber auch immer Alles wissen, nicht wahr?
So leben Sie denn wohl, lieber guter Freund, gedenken Sie Ihrer
Clara Schumann
Schreiben Sie post restante nach Frankfurt, es ist am sichersten da ich noch nicht weiß wo ich wohne.





  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
129-133

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 68–73, Nr. 24.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.