25.02.2022

Briefe



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ID: 20692
Geschrieben am: Sonntag 16.11.1862 bis: 18.11.1862
 

Karlsruhe d. 16 Novbr 1862. Sonntag Morgen.
Könnte ich doch, wie ich möchte, Sie erhielten heute mehr als diese wenigen Zeilen, mein theurer Freund, denn wahrlich, es gäbe so vieles zu sagen was mir das Herz recht schwer macht.
Ihr Brief nach Frankfurt hat mich doch etwas beruhigt, Sie schienen mir heiterer und nun erhalte ich Ihren letzten so gar traurigen Brief, der mich aufs tiefste betrübt. Könnte ich doch nur die rechten Worte finden Sie zu beruhigen. Könnte es treue Freundschaft, so müßte es die Meinige, aber suchen Sie, lieber Freund, das Gleichgewicht von dem Sie selbst sagen, es fehle Ihnen, etwas mehr zu finden. Das Schwärmen macht mir Angst. Haben Sie mich so lieb wie Sie können, recht fest, aber werden Sie ruhiger, Sie gestalten uns Beiden die schöne Freundschaft zu einer recht ungetrübten, beglückenden. Es ist gar schwer für mich gerade Ihnen das zu sagen, weil ich selbst, was ich mal erfasse mit solcher Stärke und Innigkeit bewahre, daß ich denn auch meine, ich brauchte nichts weiter in der Welt, und doch muß man ja mit dieser leben und lebt durch sie und wissen Sie, schließlich gelingt es doch Alles zu thun in dem Gedanken an einen theuren Freund, dem man dann in ruhiger Stunde das Herz so recht vertrauensvoll öffnen kann. Sie haben es jetzt gewiß recht schwer, doch halten Sie fest an der Hoffnung, daß es nun, wo einmal der erste Schritt gethan, es immer besser werden muß – und wer weiß, manches vielleicht anders werden kann, als Sie es jetzt für möglich halten. Wie wunderbar fügt sich Manches im Leben, für Sie ist das Leben noch lange nicht aus, kämpfen Sie muthig, mit dem Kampfe wächst die Kraft, und dann, welch schönes Bewußtsein daß Jemand Ihnen anhängt, der Sie darum immer mehr und mehr schätzend liebt.
Frankfurt, Dienstag Morgen.
Sie sehen wie wenig Sie auf meine Briefe zu bestimmten Tagen rechnen dürfen, ich hatte mich Sonntag Morgen gleich hingesetzt Ihnen für heute in St Gallen einen Brief zu senden, der war aber zu beenden unmöglich, denn die Störungen waren endlos. Ganz ohne Zeichen von mir waren Sie aber doch diese Tage nicht, und ich denke, meine kleine Sendung hat Ihnen ein wenig Freude gemacht, und ich denke, nun ist es soliede [sic]. Es ist ganz wie das Meine, das Ihnen ja gefiel. Ich habe Ihnen so viel zu erzählen, daß ich gar nicht weiß wo anfangen. – Hier habe ich noch große Sorgen mit dem Clavier erlebt, von Paris konnte ich keins mehr zur rechten Zeit erhalten und suchte nun bis zum Concerttag überall herum; es war wirklich schrecklich, nun, schließlich lieh mir die Baronin einen Herz, der sehr schön klang und so lief denn Alles glücklich ab; nur glaube ich, daß wir leider wenig Gewinn davon haben werden, ich mußte am andern Morgen gleich fort, daher besorgte es Stockhausen, denn er wollte es durchaus im großen Saale geben wo wir 400 Gl. Kosten haben. Es war ganz gut besucht, doch gehört zu einer guten Einnahme für zwei ein ganz gefüllter Saal. Stockhausen sang wie immer sehr schön, die Dichterliebe, aber nicht warm genug; er war hier überhaupt in einer furchtbaren Stimmung, sprach von großen Alterationen und ich glaube, es war etwas mit Frau Schlumberger, wenigstens gab er mir solche Andeutungen. Er sah so fürchterlich aus, daß sich alle Leute erschraken. Mir hat er das Concert übrigens sehr schwer gemacht, denn er wollte sich um nichts kümmern, und Sie wissen was Einem für den Einen leicht wird, wird für den Andern schwer!!!! – –. In Carlsruhe ist meine Soireé ganz gut ausgefallen, dort fand ich einen guten Flügel, jedoch will es mit den Einnahmen gar noch nicht recht gehen, u das macht mir Sorge, denn gerade diesen Winter ist es mir besonders wünschenswerth, das Haus, so klein es auch ist, wird doch noch manchen Thaler verschlingen, es soll erst mal recht wohnlich werden. Ich war gestern dort, habe beim Bürgermeister alles besorgt und dann im Hause selbst die Einrichtung überlegt. Dabei habe ich mit ganz besonders freudigen Gefühlen mein Fremdenstübchen beschaut, und sah’ Sie schon ganz behaglich darin.
In Karlsruhe war ein rechtes Gewoge durch die Katakomben, da war endlich Hiller selbst, der auch 2 x dirigierte, dann der Dichter Moritz Hartmann, Dr Hasenclever aus Düsseldorf, Oscar Braak aus Cöln, Paul Heyse u noch mehrere. Sie können denken, wie da die Zeit besetzt war. Ich habe die Oper 2 mal gesehen, und mit großem Interesse. Es sind wirklich viele Schönheiten darin, der ganze 2te Act wiederholt von Anfang bis Ende steigernd, natürlich das Orchester geschickt, oft geistreich behandelt, aber es ist kein Zusammenhang in der Musik. Das Schöne wechselt mit Trivialen, das Künstlerische mit dem Dilettantischen wie immer bei Hiller, und die Hauptsache, bei ihm ist es nicht der innere Drang warum er componiert, sondern die Gewohnheit und das fühlt sich heraus. Trotzdem hat mich noch nie ein Werk so interessiert wie dieses von ihm, wie dieses teilweise und habe ich die innigste Freude für ihn empfunden, daß es so schön aufgeführt u sehr gut aufgenommen wurde. Er war so glücklich, der arme Mann! Er genießt so wenig Glück überhaupt, sein ganzes Leben ist ihm doch so verkümmert durch die häuslichen traurigen Verhältnisse, denen man kein Ende absieht. –
Daß Sie nicht mehr so in jedem Concert mitwirken wollen, ist mir sehr lieb. Das nenne ich nicht Egoismus, kommt ein recht ordentlicher Künstler, dann sind Sie ja immer da, und für Lumpen sind Sie viel zu gut; es dankt Ihnen doch keiner, im Gegenteil, Sie werden beraisoniert, wenn Sie dann nicht immer bei der Hand sind und welche Zeit opfern Sie dadurch! Wenn Sie nur nicht immer 3 Tage nach Winterthur müßten, das läßt Sie weder zur äußeren und innerer Ruhe kommen, zerstückelt Ihnen doch die Zeit und manches Vergangene, Unangenehme wird dadurch immer wieder in Ihrer Erinnerung wachgerufen. Nicht wahr, wenn’s möglich ist geben Sie es auf, wenigstens die drei Tage.
Sie haben mir noch immer nicht gesagt wie es mit dem geistlichen Herrn geworden ist? – Behalten Sie die Stelle?
NB: Das Pedal können Sie wohl kaum unter ein Pianino gebrauchen – am besten aber jedenfalls ist’s, Sie warten ab bis es da ist. Stockhausen kommt am 4 Decbr. selbst nach Leipzig und wird es dann sicher besorgen. Ich weiß gar nicht recht, ob ich mich auf den Faust dort freuen soll? ich leide so schrecklich bei schlechten Aufführungen, und dann kommt noch Jeder an Einem heran, fragt: wie man zufrieden ist, womöglich soll man noch entzückt sein, daß [sic] ist nun förmlich eine Qual! Am Ende entschließe ich mich noch[,] nicht dabei zu sein, ich weiß nur noch nicht recht, was schwerer ist, geben Sie mir Rath. –
Morgen reise ich nun nach Hamburg bleibe dort wohl 8–10 Tage, ob ich die 2 beabsichtigten Soireen mit Stockhausen gebe, weiß ich noch nicht, ich habe offen gestanden gar keine Lust dazu, denn er thut noch immer als gebe er mir zu Gefallen Concerte mit mir und das ärgert mich; ich brauche ihn wirklich nicht und thue es ja nur weil es mir künstlerisch Freude macht. Ach ja, wären Sie doch Stockhausen, wie schön ließe sich da Concerte geben; es ist doch so ganz anders, wenn man in dem Künstler auch den Menschen liebt. Beifolgendes Briefchen hat mir Frl – gegeben, der Name ist mir entfallen, ein recht nettes Mädchen. Ich glaube, der machten Sie auch große Freude durch eine Antwort. Ich kann doch nicht recht an die gänzliche Gleichgültigkeit glauben, deren Sie sich anklagen, im Grunde des Herzens haben Sie doch ein großes Wohlwollen gegen die Menschen, und gewiß ist die Kälte nur momentan. Eigentlich ist man, hat man Jemand recht lieb, innerlich so reich, daß man von diesem Herzensreichthum auf Viele ausströmen lassen könnte, und dabei innerlich noch unendlich viel behielte, wäre man nur eben nicht Mensch. <>
Dies zur Strafe für das Gitter, daß Sie neulich Ihrem Vertrauen zu mir vorgeschoben! –
Ich hoffe Sie errathen, das dahinter Verborgene ebenso wenig als ich neulich. –
Meine Adresse ist von jetzt an Hôtel de Petersburg Hamburg. Erfreuen Sie mich bald, mein lieber guter Freund, schreiben Sie aber immer, wie es Ihnen um’s Herz ist, lieber will ich mit Ihnen traurig sein, als denken müssen, Sie schreiben mir anders als Sie fühlen. Es kommt denn auch mal wieder etwas Freudiges, da freue ich mich dann doppelt mit.
So leben Sie wohl, gedenken Sie meiner wie ich Ihrer
Cl. Schumann
Marie läßt Sie grüßen.




  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Karlsruhe / Frankfurt am Main
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Zürich
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
139-144

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 74–82, Nr. 25.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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