23.11.2019

Briefe



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ID: 21777 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 08.05.1894
 

Frankfurt a/M d. 8 Mai 1894.
Liebe Mathilde,
lange habe ich nichts von Ihnen gehört! wie geht es Ihnen? ich stehe recht in Ihrer Schuld, aber, ich habe immer so viel zu schreiben, immer mehr als ich Kräfte habe! – Dann aber passirt es mir auch, daß ich zuweilen denke, ich habe geschrieben, und habe es nicht gethan! Ich weiß nicht, ob ich Ihnen mittheilte, daß wir die I Etage im Châlet von dem Mürren-Hôtel Besitzer (jetzt Besitzerin) vom 10 Juni bis 20 Septbr. gemiethet haben, Sie wissen, das Haus, was über der Chaussee an Derselben liegt? Ober’s waren so freundlich uns den Garten zu beliebiger Disposition zu überlassen; ich bot ihnen ein Honorar, sie gingen aber nicht darauf ein; ich denke, man wird eben dann zuweilen Etwas, Thee oder Kaffee nehmen. Ich würde auf den Garten, das Sitzen unter den Nußbäumen, schwer verzichtet haben. Daß Sie nicht wieder bei ihnen wohnen wollen, thut mir leid für sie, aber Sie haben ja recht, daß die Kost oft schlecht war. –
Was haben Sie für Ihre Sommerreise vor? Das wüßte ich gern. Wir nehmen für den Iten Monat Julie mit, und ihren Bruder, der bei Marie sein Studium im Clavier seit 14 Tagen begonnen hat, u. nicht unterbrechen soll. Er läßt sich ganz geschickt an, fängt allerdings von vorne an. Es ist eine riesige Geduldsprobe für Marie! –
Mir geht es nicht besonders, ich leide viel an allem Möglichen, jetzt seit 8 Wochen viel Gicht, im Kopfe immer dasselbe.
Werden wir uns diesen Sommer sehen? und wann?
Leben Sie wohl Beide.
Das Herzlichste von Ihrer alten Clara Schumann.

D. 8/5 94. Nachmittag


Liebe Mathilde

da kommt noch ein Anhang zu meinem Briefe heute Morgen. Ich las indessen noch ’mal Ihre lieben Briefe der letzten Monate, u. machte mir Gedanken darüber, daß ich Ihnen, erstlich für den lieben Ostergruß (Beiden) nicht gedankt, was hiermit von Herzen geschehe, dann, Allerlei nicht beantwortet habe, was ich, mein Gewissen zu beruhigen, hiermit noch thue. Zu Ostern haben wir nur einen Ausflug zu meine [sic] alten Freundinnen nach Düsseld. gemacht, und waren dort 10 Tage. Frl. Leser (die blinde Freundin) ist jetzt 81 Jahr und noch sehr rüstig, geht spatzieren, freut sich an Musik, nimmt Theil an Allem. Frau Bendemann sieht körperlich sehr gebrechlich aus, ist aber geistig lebendig, immer denkend und arbeitend für Andere. Ich finde aber so traurig wenn man so getrennt lebt, daß man doch die kleinen täglichen Erlebnisse nicht miteinander theilt, u. dadurch doch nicht immer gleiche Interessen hat. Oft hat es mich schmerzlich berührt, wenn sie von Angelegenheiten sprachen die sie viel beschäfftigten, wovon ich nichts wußte, eben so umgekehrt.
Erzählen will ich Ihnen auch daß wir mit einigen Schülern einen musikal Nachmittag veranstalteten, und noch Einer in 14 Tagen folgen soll. Eine sehr talentvolle Schülerin soll dann das F moll Concert von Chopin spielen (I Satz) u. Julie mit mir die Var. für 2 Claviere v. Schumann, an Denen sie jetzt gehörig büffelt. Sie hat sich nett entwickelt, aber sie hat viel mit ihren Launen zu kämpfen, was sie wirklich thut. In Interl. bleibt sie bis Eug. kommt, dann hat sie bei Frau Vonder Muhll eine Einladung zu ihr nach Basel u. dann geht sie zu ihrer Mutter, ich behalte sie aber noch ein Jahr, möchte sie doch, gerade jetzt, wo sie aus dem Murmelthierzustand (wie mein Vater immer sagte) erwacht, noch weiter unterrichten.
Nun aber Addio!

[Umschlag]
Fraeulein
Mathilde Wendt.
Berlin.
173 alte Jacob-
Straße III.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  SBE: II.14, S. 325ff.
 



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