19.12.2019

Briefe



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ID: 21869 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 05.09.1839
 

Liebes Jettchen,
zürne mir nicht, daß ich Dich nicht besucht habe, ich wußte nicht, daß Du zurückgekehrt; so erlaube mir, Dir schriftlich den gruß und Kuß zu senden den ich Dir selbst gern gebracht hätte. Wie viel hab ich an Dich gedacht und mich betrübt, daß Du so krank bist! Robert schrieb es mir und bestürzte mich nicht wenig mit dieser Nachricht. Ich muß Dich auch noch um Verzeihung bitten, daß ich Dich nicht besuchte, ehe ich nach Paris ging doch Du weißt, oder Du weißt es wohl nicht daß ich nicht gern Abschied nehme. Bald muß ich wieder nach Leipzig, und dann dort ich Dich sehen, nicht wahr, meine liebe Freundin? Wie es mir ergangen ist, weißt Du wohl durch Robert? Jetzt sind wir in einer traurigen Lage durch die Unversöhnlichkeit des Vaters, und es ist jetzt auch nicht an eine Versöhnung zu denken. Ich hoffe viel von der zeit, die ja so Vieles ausgleicht; meine Liebe zu Robert ist so unaussprechlich groß, daß ich nicht anders handeln kann. ich kann nicht ohne Ihn leben. Daß ich den Schmerz ertrage, meinem Vater vor Gericht gegenüberstehen zu müssen, ist wohl der größte Beweis meiner Liebe zu Robert! Du weißt daß ich in Stuttgart war? Ich lernte Schunke's dort kennen und fand in ihnen eine höchst angenehme Familie; Madam Schunke ist eine sehr gebildete gemüthliche Frau und wie sprachen sie Alle mit so großer Liebe von Dir! Stamata hat mir viele schöne Grüße an Dich aufgetragen und ich war mehrmals mit ihm zusammen, unter anderen auch einen Abend bei dem alten liebenswürdigen Greis Hahnemann, der an dem Abend sein 60jähriges Doctor-Jubiläum feierte. Ich bin gesonnen Deine Plegeältern in den nächsten tagen zu besuchen. (Soeben sagt mir die Mutter, daß sie auf dem lande sind - ich hoffe, sie kommen bald herein.) Robert wird Dich gestern besucht haben, er hatte es in der Absicht. Hast Du Dir seine neuen herrlichen Compositionen schon angesehen? Hast Du mich denn noch ein wenig lieb, oder bist Du mir ganz bös.? Du würdest mich gar sehr erfreuen, wenn Du mir nur ein paar Wörtchen schriebest, willst Du das? meine Adresse ist: Unter den Linden Nr. 24, 2 Treppen hoch. Ich weiß es wird Dir das Schreiben jetzt schwer, doch der theilnehmenden Freundin versagst Du ihre Bitte nicht! -
Deinen Kindern geht es doch wohl? und Deinem Mann? grüße ihn herzlich von mir. Möge Dich der Himmel beschützen und Dich recht bald wieder herstellen! Dieß der sehnlichste innigste Wunsch
Deiner
Dich küssenden
Clara Wieck

Berlin, Donnerstag d. 5./9. 39

  Absender: Wieck, Clara, verh. Schumann, Clara (3152)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Voigt, Henriette (1630)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
107ff.
 



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