25.02.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 22402
Geschrieben am: Donnerstag 05.05.1870
 

Brüssel, den 5. Mai 1870.
Liebster Johannes,
da wäre ja wieder einmal ein Jahr herum! Wie froh ist man da, wenn noch alles gut steht, oder vielleicht gar besser! So laß mich Dir denn in alter treuer Gesinnung die Hand drücken mit meinen wärmsten Wünschen. Möge der Frühling Dir zum 7. seine erquickendsten Strahlen und Düfte spenden! Ich denke mir Dich im Freien etwa träumend unter den Bäumen wandelnd – freilich müßte es dazu noch einiger guter Laune von Seiten des Himmels bedürfen, denn hier ist es noch wie im Winter, nur die grünen Bäume mahnen an das Frühjahr.
Vor zwei Tagen sind wir von London fort – ein schwerer Abschied von unseren lieben prächtigen Wirten, mit denen wir uns so eingelebt hatten, daß sie gar nicht dachten, wir könnten wieder fort. Aber das alte deutsche Herz schlägt viel zu kräftig, als daß ich lange (länger als die Pflicht erfordert) im fremden Lande aushielte; und überdies birgt ja Deutschland alles, was mir teuer ist. Aber, undankbar will ich nicht sein gegen die Engländer, die mich wieder so liebevoll aufgenommen – das ganze Publikum, kann ich sagen. Ich hatte zuletzt noch einige schöne Concerte! In zweien spielten wir (Frl. Zimmermann und ich) Deine Ungarischen, und mußten mehrere davon wiederholen – ich spielte sie dann auch noch in einer Privat-Matinee mit Marie, und verschiedentlich hier und da.
Ich finde es so dumm von den Verlegern, daß sie gar nicht für ihren Vorteil bedacht sind. Ich schrieb Simrock, ehe ich nach England ging, daß ich die Tänze in London spielen würde; nun hätte er doch gleich eine Anzahl Exemplare hinschicken sollen, das muß aber nicht geschehen sein, denn mir schrieben die Leute, wo sie zu haben wären? Er hätte sie doch ankündigen lassen sollen.
Die Geschichte mit Joachim ist rein aus der Luft gegriffen. Ich habe aber lachen müssen, daß Du einen Augenblick daran glaubtest. Soviel ich Joachim kenne, würde er, und wäre er unglücklich, doch solch einen Schritt nimmer tun, schon der Kinder halber, die er so zärtlich liebt. Die Leute haben das wohl gedacht, weil erst sie so lange von ihm und den Kindern fort war, dann wieder er, weiter aber wissen sie nichts. Dir kann ich aber wohl sagen, daß ich mich nicht zu täuschen glaube, wenn ich Joachim nicht für glücklich halte, und das tut mir furchtbar leid. Wenn man selbst so glücklich war, fühlt man sich noch so ganz anders in andere hinein. . . . .
Von meinen Plänen kann ich leider noch gar nichts Bestimmtes sagen, da diese von der Witterung abhängen. Ich möchte nämlich gern das Bad (Gastein) vor meiner Rückkehr nach Baden abmachen, denn, bin ich einmal wieder zu Haus, so entschließe ich mich zu schwer zum Fortgehen. . . . Ich gehe morgen nach Düsseldorf, Marie am 9. nach Baden, um einiges im Hause machen zu lassen, und wollen wir uns dann, gehe ich nach Gastein, so etwa am 15. – 16. treffen; gehen wir aber nicht, so gehe ich zu dieser Zeit auch nach Baden. – Ich kann nicht beschreiben, wie es mich nach Hause zieht! Und doch, wer weiß, was der Sommer wieder Schweres bringt. Ludwig war sehr krank, und zwar 3–4 Wochen gefährlich, jetzt aber geht es wieder besser. Man hatte es mir verheimlicht, was ein Glück war, denn ich hätte nicht gewußt, was anfangen. Er war von seiner Wirtin sehr gut gepflegt. Wie es gekommen (daß er es sich selbst zugezogen) erzähle ich Dir mündlich. Merkwürdig ist es, daß er keine Nacht ohne Nachtwache schläft, während er am Tage spazieren geht und mit Appetit ißt. – Du kannst Dir denken, wie mir zumute ist. Ich habe Hübner gebeten, mit einigen Ärzten zu konsultieren, und für mich zu handeln – das kann in diesem Falle nur ein Mann. Es wird schließlich nicht anders werden, als daß ich Ludwig in eine Anstalt bringen muß, denn so allein fortleben kann er nicht, folgen aber tut er niemandem. Es ist doch grausam vom Schicksal, mir zweimal solch ’ne Prüfung aufzuerlegen; ich habe mir aber fest vorgenommen, es innerlich so ruhig zu tragen, wie es für eine Mutter nur möglich! Ich fühle zu mächtig in mir, daß ich den andern noch zu leben habe, und das Glück, was mir noch auf Erden blieb, wiegt schließlich doch die Leiden auf – es bleibt mir doch noch viel Gutes! –
Eugenie kommt nächste Woche wieder zu uns – alle schreiben mir von Berlin, daß sie sich sehr zu ihrem Vorteil verändert habe in ihrem Wesen. Ferdinand ist nun Kommis, Felix Primaner. Julie schreibt fortwährend von dem Glücke, ihren Mann zu besitzen, aber auch viel von ihrer Sehnsucht nach uns.
Was wird nun wohl aus Dir werden? Wenn ist das Passionsspiel in Oberammergau? Hast Du Absicht, dahin zu gehen? Ich kann mir keine rechte Vorstellung davon machen, habe daher auch kein Verlangen darnach. Wie steht es mit Deinem Kommen nach Baden?
Nun will ich Dir schließlich, was ich eigentlich zuerst hätte tun wollen, danken für Deine lieben Briefe, und knüpfe daran die Bitte um neue.
Ich habe den Brief von Dir mit Deiner Adresse in einen Koffer, der direkt nach Baden ging, gepackt, und weiß sie nun nicht, muß also an Gotthardt schicken. Hoffentlich kommt er Dir zur rechten Zeit zu.
Marie grüßt und glückwünscht herzlich. Sie verließ England sehr ungern.
Bis zum 12. ist meine Adresse in Düsseldorf, dann Baden. Sobald sich in meinen Plänen etwas entscheidet, schreibe ich es Dir.
Nun Adieu, mein lieber Johannes.
Von Herzen
Deine
Clara.

Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Brüssel
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
Empfangsort: Wien
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 3
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Johannes Brahms und seinen Eltern / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-014-8
1150-1154

  Standort/Quelle:*) unbekannt, vgl. Druck
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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