25.02.2022

Briefe



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ID: 22439
Geschrieben am: Samstag 02.12.1854
 

Geliebteste Freundin,
Wie tief erschütterte mich Ihr letzter Brief! Was soll ich Ihnen schreiben, wie kann ich Sie trösten, wo ich des Trostes selber bedarf. Wie theuer müssen Sie den lieben Brief Ihres Mannes erkaufen, welche häßliche Beilage! In mir konnte noch nicht reine Freude aufkommen über mein Glück, ich konnte nur an Sie denken u. Ihren großen Schmerz, nicht daß der Brief des Arztes mir Hoffnung genommen hätte, ich kann mir nicht denken daß <>Ihnen der Frühling nicht das Schönste bringen wird, aber wie hart u. schroff ist uns die Hoffnung für nähere Zeit genommen!
|2| Sie Ärmste, was müssen Sie leiden!
Aber auch Sie fürchten doch nur für den Winter? nicht wahr, auch Sie hoffen, daß dann die schwere Leidenszeit überstanden ist?
Ihr Mann leidet nicht, wie Sie, welch ein Trost für solche Frau, wie Sie.
Ich kann nicht von meinem festen Glauben lassen, daß die Krankheit des Theuren geheilt ist, aber sein Geist ist nicht wie sein Körper völlig erstarkt.
Ein Brief von Ihnen läßt ihn auf Tage seine Einsamkeit nicht fühlen; mit welcher Macht muß Musik auf ihn wirken <All> ihn trösten u. beruhigen!
Denken Sie doch, wie herbe die Ärzte den 1ten Brief Ihres Gatten besprachen, daß sie ihn „wider alle Erwartung vernünftig fanden.“
|3| Wie viel Mühe ich hatte den Arzt zu verhindern, Ihnen nicht nach Ostende die spärlichere Correspondenz anzukündigen, denken Sie auch, wie Vieles im Benehmen Ihres Mannes den Ärzten unnatürlich scheint.
Als ich Ihn<en> sah, führte er wie gewöhnlich die Hand an den Mund, der Arzt sagte mir ganz bedeutsam: „Sehen Sie, das thut Er so oft.“ Ich sagte ihm, wie Er das immer gethan. „Ja, – das haben mir schon Mehrere gesagt,“ erwiederte er mit ganz bedenklicher Miene.
Auch in den Briefen Ihres Mannes werden sich die Ärzte Manches nicht erklären können.
Ach, wie muß ich Ihnen kindisch vorkommen, mit meinem dürftigen Trost; wir können doch nur immer hoffen u. glauben, mit dem Denken ists nicht gethan. Dadurch wird |4| die Hoffnung nicht herbeigeführt, auch nicht genährt u. gestärkt.
Aus den lieben Briefen können Sie Trost schöpfen, wie sind sie so schön, so liebevoll. Ist der Letzte an Sie nicht der allerschönste? Das darf ich eigentlich gar nicht sagen, denn wie gedenkt er meiner, mit welch übergroßer Liebe!
Verzeihen Sie mir meine Briefe, glauben Sie mir, wenn ich an Sie denke ist es mir ernster ums Herz, als Sie aus den Briefen sehen können.
Aber wenn ich Ihnen schreibe, ist es mir immer, als spräche ich zu Ihnen, Sie tragen Ihr Leid so groß, daß man allen Schmerz oft vergessen <kann> und leicht scherzen kann, ich bin noch jung, oft jungenhaft, Sie verzeihen es mir.
|5| Sie glauben u. wissen, daß ich ernster fühle, daß <d> der jugendliche Uebermuth oder Leichtsinn mich anders scheinen <lassen kann> aber nie vergessen lassen kann.
Ich habe den Brief sogleich an Joachim geschickt, wie hoch ist Ihre Freundschaft, daß Sie uns dieses Opfer bringen.
Einen Dank kann man nicht sagen, nur beweisen.
Schreiben Sie mir einige Zeilen, (lange Briefe bitte ich Sie nur in der Eisenbahn zu schreiben, ich entbehre sie gern, es muß Sie zu sehr anstrengen) schreiben Sie mir nur, ob Sie oft von Berlin fortreisen, ob es Ihnen Ihren Aufenthalt dort angenehmer machen kann, ob ich kommen soll, wie |6| gerne thäte ich’s! Sie wissen, was mich abhält, ich komme in größere Verlegenheit dadurch. Ich glaubte immer, es wäre <auch[?]> sehr überflüssig, Sie werden sehr beschäftigt sein, ich würde Sie aufhalten u. am Ende ist auch die Zeit so kurz die Sie in Berlin zubringen, wenn Sie inzwischen noch nach mehreren Orten hinreisen wollen.
Schreiben Sie mir doch darüber einige Worte u. wie es Ihnen geht.
Bedenken Sie doch immer, daß ein Arzt die Briefe schreibt, die Sie beunruhigen.
In höchster Liebe und Verehrung
Ihr
Johannes.
Hbg. D 2 Dec. 54.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
  Absendeort: Hamburg
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort: Berlin
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 3
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Johannes Brahms und seinen Eltern / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-014-8
245ff.

  Standort/Quelle:*) D-B: Mus. Nachl. K. Schumann 7,17
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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