15.07.2019

Briefe



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ID: 22673 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 19.11.1875
 

Berlin, den 19. November 1875.

Lieber Johannes,

recht lange bin ich in Frau Dustmanns Schuld geblieben - es kam zu vieles die letzte Zeit, ich konnte nicht allen Verpflichtungen entsprechen. Endlich heute gewinne ich ein ruhiges Stündchen, mich derselben gegen Frau Dustmann zu entledigen, und schrieb inliegende Zeilen an Frau D., die Du ihr freundlichst übergeben willst. Ich konnte für jetzt nicht auf ihren Vorschlag eingehen, da ich mir vorgenommen die so sehr anstrengenden eignen Konzerte, wo ich doch 3-4 mal immer spielen muß, diesen Winter zu unterlassen, und so habe ich nur Engagements zu Abonnementkonzerten, und auch nur bis zum 8. Dezember, angenommen; bis März will ich dann ruhig hier bleiben, und dann aber Burnands einen Monat besuchen und dabei einige Male bei Chappel spielen - ein Engagement wie früher, welches er wünschte, habe ich entschieden abgelehnt. Ich schreibe Dir das, damit Du Frau Dustmann versichern kannst, daß ich keinen Vorwand gebraucht habe. Warum sollte ich es auch, ich habe ja stets so gern mit ihr konzertiert - sie war mir immer eine sehr sympathische Kollegin.

Ich kann Dir sagen, daß alles schön gegangen ist, überall war es ein wahrer Enthusiasmus, und die Leute meinten, es sei schöner denn je; ich fühle auch, daß, wenn ich mir nicht zu große Anstrengungen biete, ich vollkommen über den Sachen stehe, und fühle mich inspirierter denn je, meine oft, so schön seien mir die Konzerte z. B. mit Orchester früher gar nicht vorgekommen. Mich greift eigentlich das Daran und Darum bei den Konzertreisen mehr an, als das Musizieren selbst. Übermorgen gehe ich zu 2 Mal Spielen nach Breslau, dann Anfang Dezember zu einem Konzert nach Hannover, vom 5. an aber bin ich ruhig hier. Stockhausen gibt am 17. Dezember eine Beethovenfeier. Da versprach ich, zu spielen, eigene Konzerte will ich hier aber auch nicht geben, erst recht nicht hier!

Gestern war das Weihnachtsoratorium, d. h. drei Teile. Es hat mich vieles sehr entzückt, ich wäre aber eigentlich mehr für eine Zusammenstellung der schönsten Stücke aus den sechs Teilen gewesen, als die 3 Teile von Anfang bis Ende mit all den langen Arien, von denen doch nur 2 oder 3 recht schön sind. Die Chöre fand ich ganz besonders prachtvoll, sie gingen auch herrlich, und gerne hätte ich mehr solcher gehabt.

Ich spreche dies aber nur zu Dir aus - hier sind sie ganz fanatisch, ich glaube, Spitta an der Spitze, so sagt man mir wenigstens.

Von Levi hörte ich wenig, aber das weiß ich, daß er erst nach Weihnachten die Odeons - Konzerte hat. Über Kirchner möchte ich 'mal mündlich von Dir hören; wie eigentümlich muß es bei denen sein!

Das ist ja schön, daß Du Dich auch 'mal wieder aufmachst und etwas konzertierst! Daß Du es hier nicht willst, verdenke ich Dir nicht, aber als guter Freund könntest Du schon Berlin 'mal berühren! Wie reich sind wir jetzt durch Deine neuen Sachen wieder beschenkt! Ich freue mich sehr, das Cmoll Quartett im Dezember mit Joachim zu spielen. Könnte ich doch 'mal die Liebeslieder hören! Neulich hatte ich in Leipzig großen Genuß an Deiner Serenade und freute mich, wie schön sie einstudiert war, wie anders die Leute dabei waren, als damals, wo Du mit dem Unwillen der Musiker zu kämpfen hattest. Ich fand das Stück für die Wirkung aufs Publikum nicht am rechten Platz - es gehört doch eigentlich in Kammermusik - Soiree. Ich habe aber geschwelgt, und im letzten Satz jubelte es förmlich in mir.

Laß mich bald 'mal wieder von Dir hören - ich habe wieder recht viel Sorgen mit Ludwig - bedarf sehr zeitweiliger Erfrischung für Herz und Geist. Leb' wohl, mein lieber Johannes. Grüße von den Kindern.

Treu

Deine

Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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