15.07.2019

Briefe



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ID: 22867 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 01.11.1889 bis: 30.11.1889
 

Wien, November 1889.

Liebe Clara,

es ist mir [ein] gar zu schöner und freundlicher Gedanke, wie meine D moll-Sonate unter Deinen Fingern sanft und träumerisch spazieren geht. Ich habe sie wirklich aufs Pult gelegt und bin ganz sinnig und sanft mit durch das Orgelpunkt-Gebüsch gegangen. Immer Dich zur Seite, und ein besseres Vergnügen habe ich nun einmal nicht, als wenn ich an Deiner Seite sitze oder, wie diesmal, spazieren gehe.

Nun aber muß ich vor allem ein paar Worte für Deine geehrte Museumsdirektion sagen, die Du wohl so gut bist, gelegentlich weiter zu besorgen. Wie gern würde ich mein Trio dort spielen! Das wäre nämlich ein Zeichen, daß mir's doch so ungefähr gefiele! Leider tut's das aber nicht, nicht im geringsten, und da ich diese Freude nicht habe, muß ich auch auf jene verzichten!

Da lassen wir denn wohl auch die 4. Symphonie besser dem Alten! Jedenfalls wird er mit mehr Eifer und Liebe daran studieren wie ich, und daß die Musiker animiert werden durch einen fremden Dirigenten, ist nur eine halbe Freude, die andere Hälfte nimmt der Gedanke an den Alten usw.

Hast Du gehört, daß Wüllner neulich (vor dem Faust) die 4. Symphonie von Sch. in der ersten Instrumentierung gemacht hat? Er hat große Freude daran gehabt und denkt daran, Härtels darüber zu schreiben. Wenn diese nun eine Herausgabe beabsichtigten, wäre Dir das Recht?

Und wäre Dir in diesem Falle auch recht, daß W. dies besorgte? Er ist ein ganz vortrefflicher Redakteur, wie er oft (auch z. B. in der großen Bach-Ausgabe) bewiesen hat.

Du solltest Dir eigentlich 'mal anhören, wie sich das Musikmachen in Köln geändert hat! Nächstens würde W. Dir auch meine Festsprüche und andere Motetten vorsingen lassen können und gewiß wunderschön; ich bin grade dabei, ihnen alles hier zu besorgen.

Wir leben jetzt hier unter dem Zeichen des Phonographen, und ich hatte Gelegenheit, ihn oft und behaglich zu hören. Du wirst genug über das neue Wunder gelesen haben oder es Dir beschreiben lassen; es ist wieder, als ob man ein Märchen erlebe. Morgen Abend hat es Dr. Fellinger bei sich zu Haus - wie gemütlich, könntest Du nun dabeisitzen- unter Umständen? Nun aber lebe einstweilen recht wohl - bis gleich, sagt man am Rhein, grüße die Fräuleins und sonst einen und die andere.

In aller Liebe

Dein Johannes.


  Absender: Brahms, Johannes (246)
Absendeort: [Wien ?]
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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