15.07.2019

Briefe



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ID: 22900 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 01.07.1891 bis: 31.07.1891
 

Ischl, Juli 1891. [?]

Liebe Clara,

laß mich gleich ein paar, wenn auch nur flüchtige Worte auf Deinen so lieben Brief sagen. Von den Meininger Herrschaften hörte ich schon, daß Du dort zum 1. erwartet würdest, und daß sie sich für den Tag bei Voßens eindrängen möchten, um mit Dir zu sein.

Ich würde sehr an eine Fahrt nach B. denken, wenn nicht alles und alle, die ich sehen will oder muß, gar so weit voneinander wären. Ich fürchte, ich habe nur eine Hetzerei, und mir ist nun einmal nur in der Ruhe wohl.

"Es wird immer leerer um einen!" Ja, l. Cl., das ist wahr - und nicht wahr. Wollte ich letzteres ausführen, so wüßte ich nur zu gut Deine richtigen Einreden. Man ist vielleicht undankbar, wenn man über das, was uns schwindet, ganz auf das vergißt, was uns und zu unserer Freude heranwächst. Aber es ist und bleibt einmal so, und ich versuche nicht,Dir die Gedanken heiterer zu machen - das tut das Leben Dir auch oft genug, und Du empfindest es dankbar und freudig.

Die alte Frau Wagner ist gestorben! Mir eigentlich zum zweitenmal, denn ich glaubte sie längst tot! Hildebrandt hättest Du vielleicht mit der Nachricht erfreuen [können], daß er vermutlich nächstens den Orden Pour le mérite kriegt. Wenigstens schrieb mir der Ordenskanzler Menzel so. Was wollte denn alles nach Fr.- auch der gute alte Schmitt!

Nach dem Essen bei Voß werde ich Dir nicht mehr zu sagen brauchen - daß ich noch einige Sommerfrüchte am Leben lasse. (Nebenbei gehört auch eine ganz niedliche Sammlung Kanons für Frauenstimmen dazu.) Freifrau Heldburg wird Dir erzählt haben von einem Trio für Pianoforte, Violine und Klarinette und einem Quintett für Streichquartett und Klarinette. Diese beiden Stücke zu hören, freue ich mich einzig auf Meiningen. Du hast keine Idee von einem Klarinettisten wie dem dortigen Mühlfeldt. Er ist der beste Bläser überhaupt, den ich kenne. Allerdings ist diese Kunst aus verschiedenen Gründen überhaupt sehr zurückgegangen. Im Orchester sind die Bläser in Wien und mancherorten recht und sehr gut, aber an ihnen allein hat man keine rechte Freude.

Darauf freue ich mich also in M., vom Publikum fehlt aber leider das - oder die Beste! Ich glaube nicht, daß Du hinkommst, trotz guter Absicht, trotz Theater, Orchester und Trio und Quintett.

Es ist schade, daß Du des vielen Transponieren wegen die Stücke nicht lesen kannst. Einiges würdest Du etwa gar gleich zweimal spielen!? (Ich denke an ein sanftes Adagio.)

Den Brief von Schumann hoffe ich noch zu kriegen, ich gab die Zeitung aus der Hand. Morgen kommt Wendt - Frl. M. grüße, wenn sie dort ist, und sonst sehr viele, die Dir hoffentlich den Aufenthalt lieb und angenehm machen.

Herzlichst

Dein Joh.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
Absendeort: [Ischl ?]
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
 



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