25.02.2022

Briefe



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ID: 23214
Geschrieben am: Freitag 25.01.1878
 

Berlin, den 25. Januar 1878.
Welche Überraschung kommt mir heute, lieber Johannes. Euer Telegramm nach Leipzig, wo ich, wie Du nun wohl weißt, gar nicht war! Vor allem Dank dafür und für Deinen lieben Brief aus Hamburg. Daß ich so schwer selbst schreiben kann, läßt mich so oft das verschieben, was ich am liebsten tue, so ging es mir auch jetzt wieder. Ich hab’ Dir noch nicht einmal wieder gesagt, welche Freude mir Deine Symphonie in der Probe war – ich hatte sie so genossen, daß ich das Mißgeschick am Abend viel leichter trug. Sehr freuen würde es mich, sie in Dresden wieder zu hören, ob es sich arrangiert, weiß ich noch nicht. Ich habe ein altes Versprechen in Dresden für den Gustav-Adolph-Verein zu erfüllen, und mußte deshalb Wüllner abschlagen, nun haben er und das G.-A.-V.-Komitee darüber verhandelt, und ich werde gebeten, für beide zu spielen. Das ist nun jetzt wahrlich nicht so leicht für mich, denn die Reisen im Winter, all die Unbehaglichkeit in andern Häusern, das Konzert selbst, strengen mich doch sehr an. Der Verein hofft aber, wenn ich der Kapelle spiele, diese dann für ihr Konzert zu bekommen, und so setzen sie mir die Pistole auf die Brust, und schließlich gehe ich zweimal nach Dresden zu Wohltätigkeitskonzerten. Wüllner bot mir 300 Mark, Reisevergütung, aber ich kann doch nicht mehr annehmen, als mich diese Reise wirklich kostet! Abschlagen wird mir gar so schwer, und doppelt in diesem Falle, wo mir Deine Symphonie winkt! Der Feuerzauber schreckt mich nicht – ich brauche ihn ja nicht zu hören.
In der Leipziger Affäre hat sich ’mal wieder mein angeborener Dusel bewährt. Du erwähntest einmal, als ich wegen des Schumann-Abend mit Dir sprach, daß sie mir eine Aufmerksamkeit damit erweisen wollten, wobei mir aber gar nichts weiter einfiel, nicht ’mal das, was so nahe lag, daß die Sache doch nicht geheim bleiben konnte, und das Publikum sich in etwas doch beteiligen würde. Erst hier, als ich die Notiz in den Signalen las, bekam ich einen Schrecken und schrieb sofort ab – eine so verfrühte Feier, wie hätte ich mich da lächerlich gemacht, wie peinlich mußte das für mich sein! Es war gut gemeint, aber doch ungeschickt, sie hätten doch erst sich erkundigen müssen bei Dir oder Livia (bei jemand, der mir nahestand), ob mir dies auch angenehm sein würde – wer mich kennt, dürfte um die Antwort wohl nicht verlegen sein. Gott sei Dank, daß ich nicht hingegangen bin . . . . Recht sehr leid war es mir, daß Du doch nicht so befriedigt von Hamburg warest, mit Deinem Briefe kam einer von Avé und Friedchen – es war komisch, sie zu vergleichen. Letztere schreibt von endlosem Jubel, aber spätem Erscheinen des Komponisten, von herrlicher Orchester-Leistung etc. So gut war es dem Orchester noch nicht geworden! Begierig bin ich, zu hören, was sie Dir Honorar gegeben? Führst Du in Utrecht Deine 1. Symphonie auf? Mit dem Orchester? Wie mögt Ihr wohl jetzt gemütlich zusammensein! Denkt doch manchmal an mich – ich meine, ich müßte mich dann unbewußt heiterer fühlen! – Gruß und Dank an beide.
Mein Arm macht mir viel zu schaffen, wenn er mich nur nicht ganz verhindert am Spielen, es wäre so großer Verlust, in Leipzig habe ich nun so schon durch die fatale Geschichte 1 000 Mark verloren! – Ich sollte in Amsterdam und Haag am 4. und 6. Februar spielen, es zerschlug sich aber, weil ich nur für eine Stadt annehmen konnte, da ich eine Woche zwischen den Konzerten Ruhezeit brauche. Es war mir nur leid, weil ich nun Engelmanns nicht sehe, und doppelt ist es mir jetzt, da Du dann dort bist. So habe ich denn eben oft Mißgeschick! –
Die Barkarole schicke ich nächster Tage nach Wien.
Sage mir bald wieder ein Wort, liebster Johannes, Du weißt, wie’s mich freut, Dir im Geiste immer folgen zu können, und nun leb’ wohl, der Arm mahnt sehr! Ich wollte so gern ’mal selbst schreiben, alle sind in der Probe zur 9., so bin ich auch ungestört, aber wohl „unvernünftig“ gewesen? Halte mich schadlos dafür durch einen baldigen Brief.
Getreu Deine
Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
Empfangsort: Utrecht
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 3
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Johannes Brahms und seinen Eltern / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-014-8
1407-1410

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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