15.07.2019

Briefe



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ID: 23283 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 01.08.1882
 

Gastein, den 1. August 1882.

Lieber Johannes,

das war ja eine rechte musikalische Erquickung, solch ein Trio! Hätte ich nur gleich die Instrumente dabei gehabt, denn vieles konnte ich ja doch nur ahnen, noch dazu habe ich ein erbärmliches Pianino! Welch ein prachtvolles Werk ist das wieder! Wie vieles entzückt mich darin und wie sehnsüchtig bin ich, es ordentlich zu hören. Jeder Satz ist mir lieb, wie herrlich die Durchführungen, wie blättert sich da immer ein Motiv aus dem andern, eine Figur aus der andern! - Wie reizend ist das Scherzo, dann das Andante mit dem anmutigen Thema, das eigentümlich klingen muß in der Lage der doppelten Oktaven, ganz volkstümlich! Wie frisch der letzte Satz und so interessant in seinen kunstvollen Kombinationen! Einige Kleinigkeiten, die mir aufgefallen, darf ich Dir wohl sagen. Seite 3, II. System da beleidigt mich der Moll-Eintritt, für den ich keine Notwendigkeit empfinde, da die unmittelbare Folge wieder entschieden Dur ist. Seite 4, 4. Takt kommen mir die Triolen so fremd hinein, als sollten sie nur einen Raum ausfüllen. - Seite 15, System 3 und Seite 16, I. Takt ist mir der Doppelschlag nicht angenehm, er hat etwas Triviales, wenn ich so sagen darf, was gar nicht in diese Musik paßt, ohne Doppelschlag klingt die Stelle viel nobler. Im Scherzo, das ich ganz entzückend finde, kommt mir das Trio nicht bedeutend genug vor, auch nach dem Scherzo, was einen so wonnig bewegt, zu wenig anmutig und klingt mehr wie gemacht, als empfunden. Verzeihe, Du mußt in Betracht ziehen, daß ich es nicht in seiner vollen Wirkung gehört, nur so geradebrecht habe. - Im letzten Satz fiel mir gleich beim erstenmal Durchspielen der, wie mir vorkömmt, angehängte Takt auf, als habest Du den Schluß dadurch breiter machen wollen.

Mir gefällt es besser, wenn er so feurig und kurz:

[Notenbeispiel]

abschließt. -

Wann erscheint es wohl, und wo? Wie neugierig machst Du mich aber durch Deine Äußerung, daß Du noch anderes geschaffen, das besser sei! Ich dränge aber nicht in Dich, freue mich an dem Vorhandenen, und danke Dir, daß Du es mir geschickt. Mit diesem geht es zurück, und bitte ich Dich nur um eine Karte nach Luzern postlagernd, damit ich Dich sicher wieder im Besitz des Trios weiß. Wir reisen Sonnabend, den 5. und kommen den 8. nach Luzern.

Sehr beruhigt hat mich Deine Antwort wegen der Herren der Schule.

....Wir haben 8 Tage solchen Regen von morgens bis wieder morgens gehabt, wie ich es nie erlebt habe. - Du magst es in Ischl wohl auch, wenn auch nicht wie ich, empfunden, aber doch gemerkt haben. Heute blinzelt die Sonne so etwas und belebt die Hoffnung auf noch etwas Sommer wieder.

Bleibst Du den ganzen Sommer in Ischl? Hast Du schon Herbst-Pläne? Laß mich bald wieder von Dir hören - ich schreibe Dir meine Adresse in der Schweiz, sobald ich für einen Ort entschieden bin. Ich glaube, wir werden auf 2 - 3 Wochen nach Morschach (über Brunnen) gehen, wenn wir Logis finden.

So sei denn herzlichst gegrüßt, lieber Johannes, und hab' nochmals Dank für die gespendete Wohltat.

Marie grüßt mit mir,

Deine alte Clara.

P.S. Neulich stand 'mal wieder in den Blättern, Du habest Dich verlobt - ich glaubte es natürlich nicht, denn aus den Blättern würdest Du dies Deine alte Freundin doch nicht erfahren lassen!

Hast Du dies Jahr nette Leute in Ischl gefunden? Ist Brüll da, so grüße ihn freundlich.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Gastein
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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