15.07.2019

Briefe



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ID: 23378 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 29.09.1891
 

Frankfurt a./M., den 29. September 1891.
Lieber Johannes,

(Diktiert.)

ich fühle mich leider nicht wohl genug, Dir eigenhändig zu schreiben, muß Dir aber heute etwas mitteilen, was mich aufregt, und an dessen baldigster Beantwortung Deinerseits mir viel liegt. Du weißt, ich habe immer zu dem D moll-Konzert von Mozart meine eigenen Kadenzen gespielt, wozu Du mir seinerzeit gestattetest, aus einer von Dir gemachten Kadenz einiges zu benutzen. Ich bin nun seit Jahren oft angegangen worden, die Kadenzen herauszugeben, wozu ich mich denn auch diesen Sommer entschloß, da ich selbst doch nicht mehr öffentlich spiele. Die Kadenzen waren mir mit der Zeit so in Fleisch und Blut übergegangen, daß ich mit Ausnahme einer sehr schönen Stelle (an der ich gedachte, die Anmerkung eines J. B. zu machen), nicht mehr wußte, daß ich viel mehr von Dir entnommen hatte. Heute, wo ich von Rieter die zweite Korrektur bekomme, befällt mich der glückliche Gedanke, Deine alte Kadenz herauszusuchen, wo ich denn zu meinem Schrecken sehe, wie sehr ich mich beinahe mit fremden Federn geschmückt hätte. Ich befinde mich nun Rieter gegenüber in furchtbarer Verlegenheit und weiß nur zwei Wege: entweder ich ziehe meine Kadenzen zurück, natürlich vorausgesetzt, daß die Sache unter uns bleibt, oder Du erlaubst mir, auf den Titel zu setzen mit teilweiser Benützung einer Kadenz von Johannes Brahms. Du bist so gut, wenn Du auf letzteren Vorschlag eingehst, mir den Titel gleich gut stilisiert aufzusetzen.

Es ist schrecklich, daß einem so gewissenhaften Menschen, wie ich bin, so etwas passieren kann! -

Leider bin ich noch immer so unwohl, daß ich meine Stunden nicht beginnen kann und überhaupt fast nichts tun kann. - Ich bin jetzt seit drei Wochen mit Gehörserscheinungen im Kopf Tag und Nacht gepeinigt, daß ich oft ganz in Verzweiflung bin. Die Ärzte erklären es für rein nervös und trösten mich, daß es wieder vergeht, wozu mir der Umstand daß es doch schon ein paarmal kurze Zeit fort war, Hoffnung gibt.

Ich schließe mit der nochmaligen Bitte um baldige Antwort Deiner Dich herzlich grüßenden

alten

Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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