25.02.2022

Briefe



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ID: 25121
Geschrieben am: Samstag 02.02.1895
 

Liebe Clara.
Dein liebes Leipzig so recht von Herzen loben zu hören, ist Dir doch gewiß ein rechtes Gaudium! Da lasse Dir denn von meinen 8 Tagen dort erzählen u. Du kannst die Freude haben! Es war wirklich eins der hübschesten Concert-Abenteuer das ich erlebt habe u. in Allem so durchaus gelungen daß es schwer ist das Einzelne zu nennen. Zuerst also das Wetter an dem man dort nicht gar oft |2| Freude hat, ich aber jeden Tag neue, dann, daß Hr Kraft (Hotel de Prusse) mich wie einen Fürsten logirt hatte u. wie den bescheidensten Bürger bezahlen ließ. Dann aber geht’s so schön weiter, Eins besser wie das Andre. Orchester, Quartett, d’Albert, Mühlfeld, Publikum, Direktion, dazu Museum, Klinger u. was Alles. Daß auch Andern die Sache hübsch erschien, magst Du schon daraus sehen, daß d’Albert von der Direktion 200 M mehr als sonst bekam, ich aber, der ich nur eine Art Reise-Entschädigung erwartet hatte – 2 000 Mark! Dazu aber |3| gab die Direktion noch ein großes Festessen (160 Personen) in m. Hotel, dies aber war so heiter u. angeregt wie wir es s. Z. bei Limburger nicht erlebten.
Die beiden Clavierconcerte hinter einander wirst Du Dir schwer u. ungern vorstellen. Aber Du hättest es ausgehalten, so selbstverständlich, <zweifl> zweifellos u. vortrefflich ging Alles in Probe u. Concert. Ich wartete bei der Schluß-Ouvertüre vergebens daß Jemand aufstehen u. gehen solle. Ueber die Zwischen-Nummern wirst Du Dich wundern. Aber auch diese waren grade recht, namentlich auch weil die Sängerin |4| wirklich ein allerliebstes junges Mädchen war die diese Sachen ganz vortrefflich sang. (Schülerin von Frl. Orgeni, die ich b. d. Gelegenheit einmal wieder sah.)
Mein Geplauder hier kommt mir in jeder Beziehung sehr schlimm vor! Aber es besser zu machen geht nicht, der unzähligen Briefe wegen die da liegen! Du sollst Dich ja auch nur über Dein Leipzig freuen u. nebenbei über die schönen Tage die es mir machte. Am 14ten soll in Frkfurt Probe vom Quintett mit Clarinette sein. Könnte das nicht bei Dir sein, daß Du recht behaglich zuhören könntest? Am 15ten Mannheim, am 16ten Frkf. am 17ten Rüdesheim-Beckerath u. am 18ten darf Dir vielleicht noch einmal Lebewohl sagen?
Dein
Herzlichst grüßender Johannes.

[Beilage: Ausschnitt, vermutlich aus: Leipziger Nachrichten ca. 1. Februar 1895]
Fünfzehntes Gewandhausconcert.
Symphonielos, dafür mit zwei Clavierconcerten und zwei Ouverturen geschmückt, bot das Programm zum gestrigen, fünfzehnten Gewandhausconcert einen ungewohnten Anblick dar: den Stempel des Außerordentlichen drückte diesem Abend zugleich die Gegenwart des Meisters auf, der als Gast seit acht Tagen in unserer Stadt weilt und das gesammte musikalische Leipzig in Athem erhält: Johannes Brahms, nachdem er in der fünften Kammermusik am Sonntag der Mittelpunkt begeisterter Huldigungen gewesen, wurde gestern von Neuem mit Auszeichnungen überschüttet, als er am Dirigentenpult erschien und es verließ, sobald er seine Compositionen geleitet: das Orchester, in hoher Verehrung zu dem großen Tondichter aufblickend, hat seinen feurigen Winken von jeher pünktlichste Folge geleistet und von dieser begeisterten Hingabe an ihn tönte denn auch herrlich wider die Ausführung des symphonischen Markes voller Begleitung des D-moll- und B-dur-Clavierconcertes und der fröhlichen, akademischen „Festouverture“, die dem Componisten die Doctorwürde eingebracht.
Mit ihm ist bei uns eingezogen Eugen d’Albert, seit Jahren einer der getreuesten Jünger von Brahms in Wort und That. Was bis jetzt noch kein Pianist gewagt: an einem Abend kurz hintereinander die beiden Brahmsschen Concerte vorzutragen, ihm bereitete es nicht die leisesten Gewissenscrupel. Bedurfte es noch eines Beweises seiner glühenden Verehrung von Brahms, seiner treuesten Ergebenheit gegen den ihm an’s Herz gewachsenen Meister, so hat er ihn jetzt auf’s Glänzendste erbracht. Sind es Voraussetzungen außergewöhnlicher Art, die ebensosehr das Brahmssche D-moll-Concert als das andere B-dur an den Spieler stellt, so ist der Künstler vor Vielen preisenswerth, der hier wie dort Allem gerecht wird, was zur klaren Herausarbeitung des in Frage kommenden Gedankengehaltes unerläßlich ist. Die Ueberzeugung, daß in der Brahmsinterpretation d’Albert jeder Nebenbuhlerschaft spotten darf, hat sich wohl in Vielen mit uns gestern Abend auf’s Kräftigste befestigt.
Wie weit, Gott sei Dank, liegt die Zeit hinter uns zurück, die entschieden verständnißlos, sogar feindselig sich verhielt gegenüber dem Brahmsschen D-moll-Concert! Daß es bei seiner ersten Aufführung im alten Gewandhaus auf hartnäckigen Widerspruch gestoßen, ist eine so bezeichnende Thatsache, daß der unvergeßliche Hans v. Bülow nicht umhin konnte, einst an sie zu erinnern, als er an der Spitze seiner „Meininger Hofcapelle“ mit einem glanzvollen Brahms-Abend Sühne schuf für jene Unbill. Freuen wir uns, daß bei dem gegenwärtigen Stand der musikalischen Erkenntniß sich derartige Verkennungen kaum wiederholen können!
Die dämonische Gewalt des ersten Satzes, bei dem man wohl an einen Kampf der Geister der Finsterniß mit den Engeln des Lichtes denken darf, hatte bis vor vierzig Jahren nicht ihres Gleichen in der gesammten Concertlitteratur, und Brahms selbst hat in der Folge nichts geschaffen, was sich mit ihm messen, oder gar es überbieten könnte bezüglich der Größe des Wurfes, der niederschmetternden Wucht der Ausgestaltung. Aus Sturm und Drang geboren, bildet dieses D-moll-Concert, und ganz besonders sein erster Satz, einen unverrückbaren Merkstein in der Entwickelungsgeschichte des Componisten. Als er sein zweites Concert (aus B-dur) zwei Jahrzehnte später schrieb, hatte die unbändige Kraft sich mäßigen gelernt, der Symphoniker in ihm war erwacht und die Mächte des Orchesters erkannten ihn bald als scepterberechtigten Herrscher an. Brahms selbst hatte vor etwa vierzehn Jahren in einem Neujahrsconcert des alten Gewandhauses die Einführung seines zweiten Concertes übernommen: schon damals erwies es sich weit eingänglicher als das erste, und da es seitdem mit dem stetig wachsenden Brahmscultus ab und zu von den Pianisten und auch von Pianistinnen auf das Programm gebracht wurde, ist es mittlerweile dem Concertpublicum ziemlich vertraut geworden. Beschäftigt sich nun mit ihm und dem D-moll-Concert ein Pianist von der Bedeutung d’Alberts, der ganz und gar aufgeht in ihrer Ideenwelt und das volle Rüstzeug bereit hält, um mit jedem technischen Hemmniß fertig zu werden, so verstärken sich für Beide die Bürgschaften durchgreifenden Erfolges; das Bedeutende, Gewaltige des ersten, die intimen Schönheiten des zweiten Concertes traten denn auch in einer Sonnenklarheit zu Tage, wie wir sie bis jetzt noch nirgends erlebt hatten. Solchen Meisterthaten blüthen denn auch Huldigungen auserlesenster Art und der schaffende Genius, der in der ehrfurchtgebietenden Erscheinung des Johannes Brahms am Dirigentenpult stand, überließ freudig dem reproducirenden Jünger Eugen d’Albert und dem Orchester den ihnen gebührenden Siegesantheil. Möchte der größte deutsche Tondichter der Gegenwart von jetzt ab häufiger als in den letzten Jahren im Gewandhaus wieder einkehren! Frl. Wedekind, Hofopernsängerin in Dresden, neuerdings der starkverehrte Liebling der Elbflorentiner, trat zum ersten Mal im Gewandhaus auf. Ihre Wahl war gefallen auf die Arie von Verdi’s „Ernani“: Sorta è la notte, e Silva non, eine Nummer, die von der strengsten Gewandhausobservanz allerdings nur ausnahmsweise auf ihrem Programm geduldet werden kann, aber Gelegenheit bietet zur Entfaltung einer sehr bedeutenden Fertigkeit. Frl. Erika Wedekind erzielte damit rauschenden Erfolg und selbst principielle Gegner dieser Gesangsgattung mußten zugestehen, daß Frl. Wedekind, wenn man sie vergleichen will mit der Coloratursängerin von vor acht Tagen, mit Frau Albani, auf allen Linien Siegerin bleibt. Gleich einer hellen Frühlingslerche schmettert sie fröhlich ihre Weisen in die Welt hinein und der jugendfrische Timbre ihres bis in die höchsten Lagen siegreich vordringenden Soprans nimmt stets das Ohr gefangen. Dazu nun noch eine Geschmeidigkeit in der Coloraturtechnik, wie sie zur Zeit in Deutschland äußerst selten anzutreffen ist. Solche glatte Läufe, solche abgerundete Triller, überhaupt solche Viruosität war uns seit Langem nicht im Concertsaal begegnet. Freudiges Erstaunen über eine solche in mancher Hinsicht wohl phänomenale Leistung gab sich denn auch in dröhnendem Beifall und wiederholten Hervorrufen der Künstlerin kund, deren natürliches Auftreten zudem äußerst vortheilhaft abstach von der Manirirtheit so vieler aufgedonnerter Primadonnen.
Von Herrn Prof. Dr. Reinecke am Flügel meisterhaft begleitet, sang Frl. Wedekind sodann Schuberts: „Nacht und Träume“, „Nur wer die Sehnsucht kennt“, Griegs „Guten Morgen“, Alabieffs „Nachtigall“; auch diese Lieder brachten ihr große Triumphe. Sie versteht sich trefflich auf’s Individualisiren; so traf sie überall den charakteristischen Punkt und den stimmungsgerechten Ausdruck. Das „Nachtigallengeflöte“ singt ihr so leicht keine Zweite nach: sie machte damit Furore und eine Wiederholung des Sensationsliedes blieb ihr nicht erspart.
Warum aber vervollständigte sie die Brahmsfeier nicht mit der Wahl einiger wundervollen Lieder des anwesenden Tondichters?
Cherubinis geisteshohe, jugendkräftige Ouverture zum „Wasserträger“ mußte bei so ausgefeilter Wiedergabe Funken aus dem Geiste schlagen. Zu Ehren des Dirigenten-Componisten Johannes Brahms war das Pult mit einem großen Lorbeerkranz geschmückt; so oft er das Podium betrat, begrüßte ihn langanhaltender Jubelruf; nach jeder seiner Compositionen wurde er mehrmals hervorgerufen und immer erschien er in Begleitung E. d’Alberts.
Prof. Bernhard Vogel.

  Absender: Brahms, Johannes (246)
Absendeort: Wien
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Empfangsort: Frankfurt am Main
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 3
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Johannes Brahms und seinen Eltern / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-014-8
2230-2235

  Standort/Quelle:*) Privatbesitz
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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