19.12.2019

Briefe



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ID: 2551 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 20.09.1851
 

Später als erwartet werden konnte und den Unterzeichneten erwünscht ist, sehen sie sich in den Stand gesetzt den verehrten Mitgliedern des Ausschusses Bericht zu erstatten über die von ihnen getroffenen Einleitungen zur praktischen Realisirung des Zweckes der Bachgesellschaft. Die Zahl der Subsribenten ist seit dem Erlaß des Aufrufs auf 322 gestiegen und somit die Möglichkeit der Herausgabe der Bachschen Werke äußerlich geführt. Die erste Aufgabe der mit der Herausgabe beauftragten Direktion war es die erste Lieferung in würdiger und großartiger Weise die Reihe eröffnen zu lassen. Sie richtete daher ihre Aufmerksamkeit auf die Messe in H moll, unbestritten eins der größten und tiefsten Werke Bachs, das freilich schon gedruckt ist, aber keineswegs mit kritischer Genauigkeit, und durch eigenthümliche Verhältniße obgleich publicirt doch eigentlich dem Publikum nicht zugänglich ist. Ihre nächste Sorge war es daher sich des Apparats für die Herausgabe möglichst vollständig zu versichern. Die nach den in Dresden befindlichen von Seb. Bach herrührenden Stimmen des Kÿrie und Gloria von Herrn Musikdir: Kade daselbst sorgfältig zusammengeschriebene Partitur wurde erworben; derselbe verglich die in den Berliner Sammlungen vorhandenen Authographe einzelner Nummern und vollständigen älteren Abschriften der Messe. Ferner wurde mehreren von Prof. Dehn nachgewiesenen Spuren eigenhändiger Stimmen oder Partituren der Messe nachgegangen, zum Theil nicht ohne Erfolg. Nun war es aber bekannt, daß Herr Nägeli in Zürich eine handschriftliche Partitur der Messe besitzt, welche aus dem Nachlaß Ph. Em. Bach’s herstammt und für ein Authograph des Componisten gilt, aus welcher auch der erste Theil bekannt gemacht ist. Es wurden also Versuche und Anerbietungen gemacht um die Benutzung dieser Handschrift für die Herausgabe zu erlangen. Leider war das Resultat derselben, daß nach längeren und wiederholten Verhandlungen Herr Nägeli, der das Unternehmen der Bachgesellschaft für überflüssig hielt, „weil ja Händel’s Werke zur Ehre der deutschen Musik in London gedruckt wurden, also nicht nöthig sei auch Bach’s Werke zu publiciren“ und für schädlich, „weil die Verleger Bachscher Werke dadurch beeinträchtigt würden“ – daß Herr Nägeli endlich erklärte, er werde seine Handschrift nicht zur Ansicht und Prüfung hergeben, weder unentgeltlich noch gegen Entschädigung sie zur Benutzung leihen, endlich sie um keinen Preis verkaufen, sondern behalte sich selbst die Veröffentlichung vor. Obgleich ein aus anderen Gründen rege gewordener Verdacht, daß diese Handschrift kein Authographum sein möchte, durch das Benehmen des Herrn Nägeli nur bestätigt werden konnte, so durfte man es bei einem Werke von dieser Bedeutung, bei der ersten Publication der Bachgesellschaft nicht wagen auf ein kritisches Hülfsmittel zu verzichten, das möglicherweise von entscheidendem Einfluß sein konnte. Die Herausgabe der H moll Messen mußte daher vorläufig aufgegeben und die bereits gesammelten Hülfsmittel für bessere Zeiten zurückgelegt werden. Bei der nun vorzunehmenden Wahl richtete sich der Blick vorzugsweise auf ungedruckte Compositionen Bachs um mit diesen zu beginnen, und hier bot sich der reiche Vorrath von Kirchencantaten dar. Es sind daher aus einer großen Anzahl, welche zu diesem Behufe geprüft wurden, folgende ausgewählt, welche in jedem Betracht würdig befunden sind, an der Spitze der Werke Seb. Bachs zu erscheinen.

1. Wie schön leucht uns der Morgenstern. E dur 12/8.
2. Ach Gott vom Himmel sich darein. G min. 2/2 .
3. Ach Gott wie manches Herzeleid. A dur 4/4
4. Christ lag in Todesbanden. E min. 4/4.

5. Wo soll ich fliehen hin. G min. 4/4.
6. Bleib bei uns E min. ¾
7. Christ unser Herr zum Jordan kam. E dur 4/4.
8. Liebster Gott wann werd‘ ich sterben. E dur 12/8.
9. Es ist das Heil uns kommen her E dur ¾.
10. Meine Seele erhebt den Herrn. G moll 2/2.

Sie sind sämmtlich in der eigenen Handschrift Bachs in Partitur oder Stimmen vorhanden, und es ist für die getreue Veröffentlichung mithin die sicherste Gewähr da, sie liegen sorgfältig abgeschrieben und revidirt vor, für die Ausführung im Stich von welcher ein Probeblatt angeschlossen ist, sind alle Vorbereitungen getroffen, und es würde der raschen Vollendung nichts im Wege stehen, hätte sich nicht ein ernstes Bedenken von einer andern Seite erhoben, das den verehrten Ausschußmitgliedern vorzulegen Pflicht der Direktion ist. Musikdirektor Hauptmann, welcher sich der Herausgabe der ersten Lieferung unterzogen hat, findet die Beifügung des im Programme versprochenen Klavierauszugs dem Sinn, in welchem die Ausgabe unternommen worden ist, nicht entsprechend. Auch haben die von mehreren tüchtigen Musikern gemachten Versuche einen Auszug herzustellen den Anforderungen, welche man bei einer Ausgabe dieser Art machen mußte, in keiner Weise entsprochen und es ergab sich ihm nach gewissenhafter Prüfung, daß die Aufgabe eines Klavierauszugs unter den gegebenen Umständen in würdiger Weise nicht gelöst werden könne. Musikdir. Hauptmann legte diese seine motivirte Ansicht der Direktion vor, welche nach wiederholten Berathungen, zu denen auch die in Leipzig anwohnenden Mitglieder des Ausschusses, Herr Capellmeister Rietz und Concertmeister David Theil nahmen, sich derselben anzuschließen genöthigt sah. Indem sie den beiliegenden Aufsatz des Musikdir. Hauptmann, welchen sie in allen Punkten zu dem ihrigen macht, den verehrten Mitgliedern des Ausschusses mittheilt, fühlt sie sich zu der Erklärung gedrungen, daß nach ihrer Ansicht ein Klavierauszug nicht herzustellen sei, der den an ihn nothwendig zu stellenden Ansprüchen genügen könne, daß daher die Herausgabe der Bachschen Werke ohne Klavierauszug hergestellt werden müsse. Sie verfehlt sich nicht, daß sie sich bei diesem Verfahren Vorwürfen aussetzen werde da sie selbst in gewisser Beziehung berechtigt nennen muß; allein bei der nunmehr gewonnenen Einsicht, hält sie es für ihre wichtigste Pflicht, die Hauptsache nicht dem offenbar Untergeordneten aufzuopfern und die Gesammtausgabe der Werke Bachs nur auf eine Weise zu veröffentlichen, die ihrer Ueberzeugung von den daran zu machenden Ansprüchen gemäß ist.
Sie hält es deshalb für das den gegenwärtigen Umständen angemessenste, die Gesangwerke mit Orchesterbegleitung in Partitur ohne Klavierauszug zu veröffentlichen und der diesjährigen Lieferung eine Rechtfertigung dieser Abweichung von dem Programm hinzuzufügen. Allerdings muß man sich darauf gefaßt halten, daß einige Subsribenten, die auf den Klavierauszug halten, sich zurückziehen werden, nach allen bisher gemachten Erfahrungen darf man aber bestimmt erwarten, daß die Zahl derselben nicht so groß sein werde, daß das Unternehmen selbst dadurch gefährdet werden könne, und dieser mögliche Verlust scheint nicht in Anschlag gebracht werden zu dürfen gegen die ungleich wichtigere Gefährdung, welche der Ausgabe durch die Verpflichtung zu einer unwürdigen und fast unausführbaren Zugabe erwächst. Indem die Direktion diese ihre Ansicht den verehrten Mitgliedern des Ausschusses vorlegt, ersucht sie dieselben über diesen wichtigen Punct ihre Meinung derselben mitzutheilen, und zwar glaubt sie sich zu der Bitte um eine baldige Antwort, der sie spätestens in 14 Tagen entgegen sieht, dadurch berechtigt, daß mit dem Stich nicht zu säumen ist um die erste Lieferung noch in diesem Jahre auszugeben, welches für den Fortgang des Unternehmens unabweisbar nothwendig ist.

Leipzig, den 20 Sept. 1851.

M. Hauptmann der Vorsitzende
Otto Jahn als Schriftführer.

[BV-E, Nr. 4286:] Bachgesellschaft [Versand:] fr. [beantwortet:] +

  Absender: Bachgesellschaft (125)
  Absender-Institution: Bachgesellschaft
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 20
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1830 bis 1894 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-030-8
490-495
 



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