11.04.2023

Briefe



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ID: 26777
Geschrieben am: Montag 27.02.1871 bis: 28.02.1871
 

London. Febr. 27th.
14, Hyde Park Gate.
Meine liebe Emilie!
Hätte ich nach meinem Herzensdrange handeln können, so hättest Du auf Deinen lieben Brief vom ersten Januar längst ein Dankeswort gehabt. Du weißt aber ja wie es bei mir geht, wie besonders im Winter die Anforderungen an mich so groß sind, daß ich froh bin, wenn ich nur Zeit erübrige mit meinen Kindern in schriftlicher Beziehung zu bleiben. Du weißt auch all die Tage, wo ich zu spielen habe (u. deren sind nicht wenige) ich nicht selbst schreiben kann; ich muß mich auch daher, sollst Du etwas von mir erfahren, zum dictiren entschließen.
Vor Allem nimm meinen innigsten Dank für Deine Neujahrswünsche, die mir eine doppelte Freude waren, als sie mir Elisen’s fast gänz-|2|liche Genesung mittheilten. Du kannst Dir denken, wie freudig überrascht ich war. Gebe nur der Himmel Bestand! Sage ihr das Allerherzlichste von mir.
Von uns kann ich Dir so ziemlich Gutes melden. Ich bin hier wie immer, sowohl von den Freunden, bei denen wir wohnen, als auch vom Publikum auf das Liebevollste aufgenommen. Auf dringende Einladung meiner Freunde, nahm ich Eugenie mit, um auch ihr einmal London zu zeigen. Marie ist aber auch mit.
Vom Ferdinand hatten wir bis jetzt gute Nachrichten, er hat, Gott sei dank, all die enormen Strapazen ertragen, u. Leute, die ihn gesehen, sagen, er sähe kräftiger aus als je zuvor. Jedoch wer kann wissen, was sich dabei |3| in dem Körper festgesetzt u erst später zum Vorschein kommt.
Mit Ludwig geht es in der immer gleichen traurigen Weise fort – der Arzt schreibt mir sehr selten und mir ist es peinlich ihn immer zu mahnen. Auch muß ich die Ueberzeugung haben, daß, änderte sich in seinem Zustande etwas, er es mir gleich mittheilen würde.
Unsere schönen Hoffnungen uns mit Julien im Sommer rendez-vous zu geben od. sie in Baden zu haben, sind zu Wasser geworden, sie ist leider wieder in der Hoffnung und Folge dessen sehr leidend, so daß sie jetzt 3 Wochen zu Bett liegen mußte. Das ist recht traurig, denn |4| so schnell folgende Wochenbetten können ihr nur von Nachtheil sein. Es ist recht betrübend, daß sie, wie es scheint, doch immer so delicat in ihrer Gesundheit bleibt; umsomehr, als sie zu keinem ungetrübten Genusse des Glückes <,> mit ihrem Manne u. Kinde, die ihr ganzes Herz ausfüllen, gelangt. Ob ich sie sehen werde den Sommer ist noch unentschieden; in jedem Falle muß ich dies Jahr nach Moritz, vielleicht gehe ich vorher auf einige Tage zu ihr, doch sage davon nichts zu Hedi, weil es zu unbestimmt ist. Ich schreibe selbst, gestern <und> unterbrochen, heute d. 28ten weiter. Vor allem muß ich Dir bekennen, daß |5| ich Deine Bitte wegen Photographien vergessen hatte. Ich war erstlich von Berlin fort, als ich Deinen Brief bekam, und immer auf Reisen, sehr in Anspruch genommen, viel auch durch Ferdinand, an den wir fortwährend Sendungen machten. Ich hatte eben ein Concert mit Joachim in Berlin ┌f. d. Verwundeten ect. ┐ gegeben was an 1 300 Th gebracht hatte, außerdem noch Tausenderlei, kurz, die Sache, die mir nicht den Eindruck machte, als wäre damit viel zu erzielen, war mir entfallen, und erst jetzt bei Ueberlesung Deines Briefes sehe ich dies mit Schrecken. |6| Jetzt nun ist es gewiß zu spät, und ich bitte Dich, theuerste Mila, um Entschuldigung. Du hast wirklich keine Idee, was in diesem Winter von Sorge auf mir lag, und ist mir oft, als bräche alle meine Krafft in mir zusammen, so daß ich in Zweifel bin, ob ich hier Alles werde thun können! –
Jetzt ist wohl der Zeitpunkt wo Hedi ihrer Niederkunft entgegensieht, und bitte ich Dich mir es gleich mitzutheilen, wenn es vorüber. Adresse: 14, Hyde Park Gate. Ich bleibe jedenfalls bis Mitte April hier.
|7| So eben empfing ich Brief v. Ferdinand der mir schreibt er fühle sich so unwohl, daß er sich krank melden müsse. Du kannst Dir denken, wie mich das erschreckt. Gebe Gott, daß er bald wieder hergestellt ist. Der arme Kerl, nun gerade wo sie nach Paris einziehen! wie hat er auf den Tag gebrannt, wo dies geschehen sollte! –
Ich muß Dir Adieu sagen – es drängt mich wieder so Vieles heute, daß mir der Kopf schwirrt.
Sey geküßt meine liebe Emilie, vergilt mir nicht mein langes Schweigen. |8| Die Briefe von den Kindern und Freunden sind mir immer das Liebste.
Grüße Elise und Hedi auf das Herzlichste und sey umarmt von
Deiner
alten treuen
Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: London
  Empfänger: List, Emilie (962)
  Empfangsort: München
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 8
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit der Familie List und anderen Münchner Korrespondenten / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-019-3
503-506

  Standort/Quelle:*) Slg. Cornides 129a/b/c/d
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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