Frkf. d. 1 Jan. 1880.
Meine liebe Emilie,
wie hat mich Deine Carte bestürtzt! was ist Dir doch Alles wieder auferlegt, wie traurig ist das, und vor allem, daß Deine Gesundheit so sehr darunter leidet! – Möchte doch das neue Jahr bald Besseres bringen, wie von treuestem Herzen wünsche ich Euch Allen das!
|4| Solltest Du nicht für Elise eine Dame nehmen, natürlich von gutem Stande, solche Kranke lassen sich von Anderen als Angehörigen oft viel leichter behandeln, und, für Dich wäre es doch gewiß ganz nöthig! die arme Hedi hat doch auch gar viel des Leides immer! Ach, das Leben ist so schwer ernst, wie drängt sich Einem dies Gefühl im älter werden oft mit so |2| furchtbarer Last auf, daß man oft meint das Gemüth könne sich nicht mehr zur Freudigkeit erheben, aber, man darf doch dem nicht nachhängen, und Ihr, wie ich, habt ja so Manches noch auf der Welt Euch daran zu erfreuen. –
Bei uns geht es sonst ziemlich gut, ich habe mich freilich nicht so gut erholt wie andere Sommer, aber ich kann doch arbeiten. Marie |3| geht es immer besser mit dem Knie, obgleich es noch nicht ganz hergestellt ist, und Eugenie vertrug den harten Winter merkwürdig gut, ihr Hals ist hier viel besser als in Berlin.
So lebt denn wohl Ihr Lieben Alle! laß mich bald wieder von Euch hören, bitte, und bleibe gut
Deiner alten
Clara.
Wegen Spiel in München habe ich von Levi nichts mehr gehört.
Du gehst doch mit Deinem Catharr nicht aus?
An Lina u Hedi das Herzlichste!
[Umschlag]
Fräulein
Emilie List.
in
München.
<37> obere Gartenstraße
bei Frau v. Pacher.
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