19.12.2019

Briefe



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ID: 3006 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 25.02.1847
 

Hochgeehrter Herr!
Euer Wohlgeboren danken mir in Ihrer gefälligen Zuschrift von gestern für die Aufnahme einer Beurtheilung Ihres Oratoriums; die Worte mit welchen Sie diesen Dank einleiten enthalten eine in Beziehung auf die Berliner Kritik leider nur zu wahre Anklage über welche ich schon längst einmal öffentlich gesprochen hätte, wenn es nur zu umgehen gewesen wäre, mich selbst dabei ganz aus dem Spiel zu lassen. Allein ich halte es für unrecht von sich selbst zu reden oder reden zu machen; denn gerade das ist der faule Fleck unserer in Kliquen und Kotterieen ganz aufgegangenen Kritik. Es haben sich da einzelne Häufleins gebildet, deren Geschäft es ist, sich selbst und ihre Genossen oder sogenannte Freunde zu loben, zu poussiren, zu beweihräuchern und sich nach und nach zu einem gewissen Ruhm und Ruf zu verhelfen, an welchem die eigene productive oder kritische Thätigkeit wahrhaftig keine Schuld hat. Seit 1838, wo ich für den wackern Herrmann Marggraff die Redaction des Conversationsblattes übernahm, habe ich Gelegenheit gehabt dieses Treiben in der Nähe zu beobachten. Damals nahm ich selbst Theil an manchen Zirkeln, bald aber ergriff mich ein solcher Ekel vor allen Gemeinschaften dieser Art, daß ich mich ganz isolirt habe und jetzt wirklich wie ein Einsiedler lebe. Ich gehe mit allen Menschen gern um nur nicht mit einem Berliner Literaten und offenbar zum Schaden meines literarischen Bekanntwerdens. Das kümmert mich aber wenig. Ich weiß recht gut, daß ich noch lange nicht genug geleistet habe, z. Th. weil die tägliche Herkulesarbeit eines Redacteurs, diese undankbare, die besten Kräfte ermattende, die liebsten Wünsche und Hoffnungen zerstörende Arbeit, mir keine Zeit läßt, mich mit dem zu beschäftigen, wozu Neigung und Anlage mich sonst treiben würde, z. Th. weil mir bisher wenigstens die Mittel einer freien, selbständigen Bewegung fehlten, weil ich an das, was man Broterwerb nennt, gekettet war. Schon über ein Jahr arbeite ich an der großen Krünitzschen Encyclopädie mit dem nun alt werdenden Dr Korth und habe in diesem Jahre 4 Bände à 46 Bogen geschrieben (der 191 Band erschien vor 2 Wochen) – Grund und Nöthigung genug jede von den Redactionsgeschäften freie Minute ernsten wissenschaftlichen Forschungen zu widmen, ohne welche nun einmal ein solches Werk nicht geschrieben werden kann. So bin ich denn ein Fremdling mitten in bewegtester Welt geworden aber nur ein Fremdling der Menschen nicht ein Fremdling der Erscheinungen auf dem Gebiete des wissenschaftlichen und Kunstlebens. Den Persönlichkeiten mehr Zeit zu widmen bin ich nicht im Stande, mit desto größerer Liebe wende ich mich ihren Werken zu und ich darf mir schmeicheln, so weit es überhaupt menschliches Können und Wissen zulassen, ohne Vorurtheil. Die von mir geschriebenen Kritiken haben größtentheils Recht behalten, ich habe mich durch Namen nicht blenden lassen – so beim Theater, so bei der Musik und das ist auch eine stille Genugthuung für manche Entbehrungen in Bezug auf geselligen Umgang und sogenannten Ruf. Sie kennen mich nicht und eben deshalb spreche ich so offen, legen Sie es mir nicht für Unbescheidenheit aus, es ist nichts als die Befriedigung eines unwiderstehlichen Dranges einmal mein Herz auszuschütten gegen Jemand, der mir ganz fremd ist; die mit mir umgehen, erfahren so etwas nicht.
Und nun ein Paar Worte in Betreff der Beurtheilung Ihrer Peri. Herr Professor Rungenhagen hat wahrscheinlich auch, wie viele Andre, meiner nach und nach vergessen, ich nehme das, wie man’s nehmen muß, gleichgültig. Bei Aufführung seines Oratoriums vor 3 Jahren hatte sich derselbe erinnert, daß ein gewisser Hoffmann der Kritiken schreibt in Berlin wohnt. Jetzt aber ist eine solche Erinnrung [sic] nicht mehr nothwendig. Er schickte mir deshalb keine Einladung zur Aufführung Ihrer Peri; ich wollte aber nicht, daß ein Werk, wie dieses unerwähnt bliebe und nahm deshalb die Kritik auf, obwohl mir sonst gewiß niemand verdenken wird, daß ich eine Vernachlässigung auf einer Seite durch Schweigen von meiner Seite erwidere. Um Billets mich zu bemühen ist nicht meine Art und nur dann, wenn ich Bedeutendes ungenossen vorüberlassen soll, wandelt mich ein Mißbehagen, ein Gefühl der Zurücksetzung an, zumal wenn ich weiß, daß in Fällen, wo man meine Stimme hören möchte, mein Name und meine Adresse kein Geheimniß ist. Ich erlebe solche Dinge allwöchentlich. Da Sie nun aber als Fremder unmöglich von meiner Existenz Kunde haben konnten, so wäre es ein doppeltes Unrecht gegen Ihr Werk und gegen die Gastfreundschaft gewesen, wenn ich mein sonst befolgtes Prinzip hier zur Anwendung gebracht hätte und es freut mich herzlich, daß Ihnen die Kritik des Figaro nicht ganz gleichgültig gewesen ist. Es giebt Leute, die dem Figaro gegenüber eine gewisse Geringschätzung simuliren, nur zu häufig kommt es aber an den Tag, daß diese Simulation eben nur eine Simulation war.
Verzeihen Sie mir mein endloses Geschwätz und gestatten Sie mir die Versicherung ausgezeichneter Hochachtung
ergebenst
C O Hoffmann

Berlin 25 Febr. 1847

Sr Wohlgeboren
Herrn Robert Schumann
Redacteur
hier

  Absender: Hoffmann, Carl Otto (723)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort: Berlin
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
298ff.
 



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