19.12.2019

Briefe



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ID: 3918 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 14.02.1854
 

Hochgeehrter Herr und Meister
Als ich Ihnen den bösen Brief wiedergab, ging ich in unsere Musikschule und nahm mit den Schülern Ihr requiem für Mignon vor. Da war Alles vergessen – und seit den 8 Tagen haben wir so viel Schumann gemacht (Quintett Quartett) [(]Frauenliebe, die Heineschen u Eichendorffs mit der Schröder Devrient) daß nichts, auch gar nichts mehr gegen Sie, sondern Alles in mir für Sie ist. Ich grolle nicht, mein verehrter Meister und ich gebe dem Genie fast ein Recht, das ich sonst Niemandem zugestehen will. – Den Vorwurf, den Ihr heutiger und sehr werther Brief macht, nämlich, daß etwa durch mich Ihr Hierherkommen wollen laut geworden, muß ich zurück weisen. Lange vorher, ehe Sie mir den ersten Brief geschrieben, stands in Zeitungen, „Schumann geht nach Leipzig oder Berlin“. Als ich Ihren Brief erhielt, waren alle Schumannianer schon längst der frohen Hoffnung, Sie hierher zu bekommen. Obgleich Sie selbst, mein verehrter Herr, nur sehr beiläufig davon sprachen, hielt ich es doch für Pflicht, einem mir sehr befreundeten Vorstandsmitgliede unseres Gesangvereins, davon zu sprechen, aber auch nur unter der Hand. Das Resultat war das, was ich vorausgesehen, und was zu erwarten stand. „Schumann ist ein genie und wir brauchen einen Handwerksmann.“ – Ich glaube, Liszt will den Ruderknecht nicht gelten lassen, und doch hat ein Dilettantenverein, auch der beste, etwas von einer Galeere. Mein Gesangverein muß für mich einen größeren Werth als für jeden andern haben, denn ich habe ihn gegründet, groß gezogen. Ich fing mit 17 Personen an und heut sind es 440. – Wir haben 250 singende Mitglieder 150 zuhörende und 40 Damen in einer Vorübungsklasse. In den ersten Jahren erhielt ich nichts, dann 300 jetzt 450 und werde nächstens 600 Rh Honorar bekommen. Unter den 250 Singenden sind 50 gute, 50 ziemliche, 50 schwache, 50 schwächere und 50 die nie kommen, weil sie krank sind, oder auf einen Ball gehen oder eine Schneiderin im Hause haben. Von den 50 guten sind 5 stets beleidigt, weil ich sie nicht solofähig halte, oder ihnen auf den Fuß getreten, oder keine visite gemacht habe. Lesen Sie diesen Brief irgend einem Dirigenten eines Dilettanten Gesangvereins vor, so sagt er gewiß, (wenn er nämlich die Wahrheit sagt): tout comme chez nous. – Und doch sind bisweilen alle 250 gut und brav; aber – was – gehört für Geduld und Zähigkeit dazu. Heut habe ich die 18te Probe von Israel in Egypten gehabt; noch 6 werden gemacht, und wer weiß, ob’s so gehen wird, wie ich wünschte. – So Vieles ich noch sagen könnte, weiß ich doch, Sie haben nun schon ein ungefähres Bild. – Berlin hat einen Vorzug vor vielen Städten, das ist seine Größe; man kann etwas wählerischer sein als anderwärts; aber es hat dafür auch seine Cliquen und alles Niedrige der großen Stadt. Wenn ich Sie, verehrter Meister hierher wünschte, so wäre es nicht für Sie, sondern für uns; für alle die vielen begabten und verständigen Musiker, die seit Mendelssohns Tode ohne Panier sind. – Sie sind der Einzige, dem wir Alle folgen würden; diese autorität mitten unter uns zu haben, das wäre ein unberechenbarer Gewinn für uns. – Aber einem Gesangverein vorstehen, einstudiren, einüben, dazu sind Sie zu schade; Sie sind der Dichter, der mit dem Fürsten gehen soll; das ist Ihr Standpunkt. – Das ist nur so meine geringe Meinung. Sind Sie aber entschlossen hierher zu kommen und und [sic] hier zu bleiben, dann will ich mit Allem, was ich habe, dienen; das ist keine Redensart.
Was Düsseldorf betrifft, so bin ich durch ein früheres Mitglied meines Pariser Singvereins benachrichtigt, daß ich keine Aussicht hätte, da Herr Tausch engagiert wäre. Ich begebe mich also meines Wunsches, und lege mein Geschick in Ihre Hände. Was nun kommen möge, erwarte ich ohne laute Sehnsucht. Sie aber, verehrtester Meister, wollen meiner aufrichtigen Anhänglichkeit und Treue glauben. Eine göttliche Begabung ist für mich immer eine ganz Stück Religion.
Ihr
Julius Stern
Berlin 14 Februar 1854.

  Absender: Stern, Julius (1546)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 688ff.
 



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