19.12.2019

Briefe



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ID: 458 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 09.06.1839
 

Dein Bild hab' ich eben vor mir aufgestellt und sah es lange unverwandt an. So glücklich ich bin, daß ich dich habe, daß Du mir ergeben bist, so beschleicht mich doch manchmal ein Schmerz, der nähmlich daß ich Dich eigentlich doch nicht verdiene und daß ich oft mir selber nur nicht genüge. So war es auch gestern, wo ich [zum Geburtstag] so viele Liebeszeichen von Dir empfing, und darunter das größte womit Du mich erfreuen konntest. Ich möchte mich in solchen Momenten gleich in Himmelsblau baden, um Dir mit reinem Herzen zu danken; es kömmt mir dann alles noch so erdig an mir vor und ich denke dann oft "Ach Du bist dieses Engels nicht würdig" - Verzeih' mir, Du meine geliebte Klara, daß mich Dein Bild auf einen Augenblick melancholisch gemacht; eben blickt' ich es wieder an und es war mir, als spränge mir mein Mädchen an Herz und Mund und sagte "nun bin ich bald Dein Weib - was grämst Du Dich" [...] Dein Bild ist das beste, was es von Dir gibt. Wie glücklich hast Du mich damit gemacht! So gern möchte ich es immer vor meinen Augen haben, und es dauert mich, wenn es so im Finstern [d.h. in einer Schatulle] verschloßen bleiben soll. Aber es sträubt sich auch etwas in mir dagegegn, es jeden sehen zu laßen. [...] Das Bild ist von einem ausgezeichneten Maler, der vielleicht auch gewußt hat, wem Du es senden willst, Deinem Verlobten nämlich. Die rothen Blumen deuten darauf hin und auch die kleinen blauen; auch das kleine Stückchen heiterer Himmel ist wohl angebracht. Vorn am Kleid scheint ein Ring angeheftet, der Baum darüber ein Lorbeer. Wie sinnig dieses Alles. Wie an guten Menschen, so findet man bei guten Bildern, je mehr man sie betrachtet, immer mehr Schönes. Halt' ich das Bild links, so spricht es am meisten, lächle ich, so lächelt es mit; wie ich es wende, verfolgt es mich mit seinen Augen. Da ist Alles gute Malerweise. Die Haltung das Körpers könnte etwas gefälliger sein, wie er es in der Natur ist. Im übrigen habe ich die hohe Jungfrau wieder erkannt, die es darstellt. Dein Auge ist wohl nicht zu treffen. Das sanfte Kinn schon eher;auch die Stirn; auch der Teint ist gut, der auch so sehr an Dir reizt. Er ist südlich und verräth Feuer im Herzen.

RSA VII/3/3, 2, S. 203-204, [gek.]
Zit. nach: Briefwechsel II, S. 558

  Absender: Schumann, Robert (1455)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Wieck, Clara, verh. Schumann, Clara (3152)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: I / Band: 5
Briefwechsel von Clara und Robert Schumann / Bd. 2., September 1838 bis Juni 1839 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Anja Mühlenweg / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2013
ISBN: 978-3-86846-005-6
526ff.
 



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