25.02.2022

Briefe



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ID: 4772
Geschrieben am: Samstag 01.03.1845 bis: 31.03.1845
 

Geehrtester Freund,

Mein Schwager hat hier in der Euterpe gespielt u reist zurück; diese Gelegenheit benutze ich, um Ihnen Musikalien zu überschicken. Zwei Liederhefte habe ich noch nicht erlangen können, das neueste von Lindblad u der alte Landsknecht von Lenz, etwas ausgezeichnetes. Diese folgen bald nach. Sehr habe ich mich über Ihren Brief gefreut. Ich will zunächst einige Punkte daraus beantworten. Jetzt u in der nächsten Nummer erscheint der 2te Artikel meines Aufsatzes. Sie werden auch Tadel finden; dadurch ist eben dem Ganzen der Stempel der Wahrheit u Ueberzeugung aufgeprägt. Wenn Sie hohen Werth auf einzelne Lieder legen, so stimme ich damit ganz überein. Die Quartetts kenne ich immer noch nicht. Seltsam, werden Sie sagen; es schadet aber jetzt nichts, da ich über Ihre neueren Werke nur allgemeine Bemerkungen gebe, u sodann auf specielle Recensionen verweise. Fühlen Sie im Augenblick sich weniger zum Schaffen aufgelegt, so schadet das nichts. Ihr Anfang ist umfassend, u verbürgt eine Zukunft. – Ich werde meinen Aufsatz mit Fragen schließen hinsichtlich Ihrer Zukunft; vielleicht treffe ich nicht das Rechte, vielleicht auch stimmen Sie jetzt am allerwenigsten mit mir überein. Habe ich Unrecht, so erleuchte ich doch durch meine Fragen ein Gebiet, was bis jetzt dunkel war. Ich wünsche auch noch mehr Kritik in der Zeitung. Jul. Beckers augenblickliche Unbrauchbarkeit ist die Ursache, er wird nun in Zukunft überhaupt nicht mehr Dutzendwerke recensiren, u ich muß mich nach einem neuen Mitarbeiter umsehen. Einiges habe ich an Adam geschickt, u will sehen, was er liefert. Hier ist außer Lorenz Niemand. Wenn der jetzt angefangene Aufsatz vorüber ist, werde ich über die Oper, Meierbeer u Berlioz schreiben. Ich stimme mit Sarastro (Sattler in Blankenburg) nicht ganz überein. Vor allen Dingen ist es mein Wunsch, einige größere Aufsätze zu schreiben, u die Hauptrichtungen der Gegenwart zu besprechen. (Rienzi werde ich wohl selbst anzeigen)
Was meinen Sie zu der Idee einer Kriegszeitung, aber unter anderem Namen, Polemisches oder dergl. Die neueste Nummer der allgem. musik. Z. wo Prudent, Litolff, u Andere, alle in derselben lobhudelnden Weise besprochen sind, hat mich ärgerlich gemacht, u mir den Impuls dazu gegeben. Schmähbriefe sind noch nicht gekommen; aber dumme; bald schreibt einer anonym, u wünscht, daß ich ihm zu einer Stelle verhelfe; wenn ich ihm eine antrage, dann will er sich nennen u. s. f. bald kommen Manuscripte, um Verleger zu schaffen. – Mangel an Manuscript ist jetzt nicht, das Gegentheil belästigt mich; ich weiß nicht, wie ich Alles unterbringen soll, vorzüglich ist die lange Erzählung Ursache; noch das lange Schlußcapitel ist übrig. Diese Erzählung bringt mich zur Verzweiflung; ich streiche soviel wie möglich. Ganz schlagende Gründe waren für die Aufnahme derselben vorhanden: sie ist gut, u manche Bemerkung u Ansicht darin gar sehr beachtenswert; aber doch fängt sie nun an zu incommodiren. An Krüger mußte ich einen langen Aufsatz über die Walpurgisnacht zurückschicken. Mendels. ist noch nie so angegriffen worden wie darin. Es wäre höchst thöricht gewesen dieß gleich zu Anfang meiner Redact. zu bringen u würde mir eine schiefe Stellung gegeben haben. So war die Erzählung sehr willkommen, weil sie Manuscriptmangel decken konnte. Leipzig ist doch sehr anregend; ich erwärme mich immer mehr, u komme auf neue Gedanken. Die Lieder von Sattler sind also von Sarastro der Mönch von Lewinsky ist vom Correspondenten der Zeitung; er hat ihn selbst eingeschickt, u angelegentlich empfohlen. Herion ist Musiklehrer in Dresden. Die vorzüglichsten Lieder aber sind von Lenz, welche Sie noch erhalten. Es bleibt mir noch Raum, um mich u meine Frau Ihnen u Ihrer Frau Gemahlin zu empfehlen
Brendel

  Absender: Brendel, Franz (261)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
234ff.

  Standort/Quelle:*) PL-Kj, Korespondencja Schumanna, Bd. 17 Nr. 3066
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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