25.02.2022

Briefe



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ID: 5802
Geschrieben am: Donnerstag 01.11.1838
 

Keine Antikritik.

In der „neuen Zeitschrift für Musik“ hat in Nr. 21. 22. 23 und 24 von Wiesbaden aus ein Herr C. K–y einen ganz ausgezeichneten Bericht über unser Ende Juli gehaltenes erstes Sängerfest erscheinen lassen, welcher sich nämlich dadurch von allen andern darüber erschienenen auszeichnet, dass er einen förmlichen Gegensatz mit ihnen bildet. – Die Verfasser der andern Berichte haben mit ehrlichem Sinne und freundlichem Gemüthe verstanden und empfangen, was wir mit treuem Herzen boten, sprachen sich in diesem Geiste darüber aus und vergaben mit gerechter Schonung die allfälligen Versehen und Mängel, welche bei einem so grossen Unternehmen, zumal wenn es das erstemal ist, dass man sich darin versucht, sich bei dem bessten Willen nicht vermeiden lassen. Nicht so unser Hr. Halbanonymus K–y, dem, wenn man ihn eines während der Festzeit hier begangenen Verbrechens beschuldigen wollte, es nicht schwer fallen würde, sein Alibi zu beweisen. – Es ist mein Zweck nicht, hier seinen Bericht zu beleuchten. Jeder der vielen Tausende, <wird,> die durch unser Fest erfreut, ja selbst gerührt worden sind, wird, sollte ihm zufällig besagte Zeitschrift vor die Augen kommen, leicht das Ausgezeichnete daran erkennen, und den Verfasser desselben zu würdigen wissen. – Mein Zweck hier ist nur, es dem Leser der Zeitschrift leichter zu machen, die entsetzlichen Fehler zu seinem Besten einsehen zu können, die der ausgezeichnete Hr. Halbanonymus in meinem Oratorium: Zeit und Ewigkeit (welches das Glück – wollte sagen: das Unglück, <>hatte, ihm gänzlich zu missfallen) gefunden hat. Er beziehet sich in seinem Bericht auf die Seitenzahl des lithographierten Clavier-Auszugs und muthet seinen <Lesers> Lesern zu, nachzuschlagen. Dieser Mühe will ich sie überheben und hier selbst die Stellen hersetzen, die der Ausgezeichnete fehlerhaft nannte, wobei ich noch bemerke, dass dieses nur bei kürzeren geschehen kann; denn wenn ich alles in seinen Augen Verfehlte hier wieder geben wollte, so müsste ich den ganzen Clavier-Auszug, welches doch bei dem bessten Willen nicht ginge, abdrucken lassen. Es ist nämlich, wie der Hr. Halbanonymus sagt, mein Oratorium „durchaus verfehlt; ein Hors d’oeure (ich schreibe hier diplomatisch genau ab), eine contrapunctische Babel, worauf die Confusion und der verjährte Schulstaub engherziger Pedanterie abwechselnd sich breit machen.“ u. s. w. Der ausgezeichnete Hr. Halb. gehet nach einer solchen langen Entleerung seines Gall-äpfelsaftes, sonst Dinte genannt, zu specieller Betrachtung über und sagt: „So bietet gleich No I in den ersten acht Takten eine schlecht verhüllte Reminiscenz aus der Zauberflöte.“ Schade, dass acht Takte zu viel sind zum Hersetzen. – „Die, Seite 5, Tact 12 angebrachte harmonische Bizarrerie giebt eben keine hohe Idee von Geschmak des Tonsetzers.“ Hier ist sie: XXXXXXX „ebenso der Seite 6 im 4. Tact erfolgende, verdekte Oktaven enthaltende, wenig meisterhafte Übergang von C-Moll nach As-Dur“. Ich setze ihn her: XXXXXXXXXXXXX |2| „Seite 10 im 16. Tacte bilden der 1. und 2. Bass drei Quintenfortschreitungen, die man einem so unerbittlichen musikalischen Zeloten, wie Hrn. Schnyder von Wartensee, der nur immer die strenge, correcte Schreibart im Munde führt, am wenigsten nachsehen darf.“ Es sind folgende: XXXXXXXXX „Eben so wenig sind bei der Seite 12 in den ersten vier Tacten angebrachten Engführung die freien Quarten-Eintritte (!!) zu billigen.“ Hier stehet die Stelle: XXXXXXXXXX „Oft auch sind die vier Singstimmen ganz unzweckmässig, naturwidrig behandelt, und zu weit von einander gehalten (bei Männerstimmen!!) wodurch sich dem Gehör bei der Ausführung ein Gefühl von Leere und Vereinzelung mittheilt, wie z. B. bei dem Seite 13 im 4. Tact angebrachten Orgelpunkt, der in ein chaotisches Geschrei, in ein sinn- und regelloses Gebrumme ausartet.“ Der Anfang davon folgt hier: XXXXXXXXX „Seite 21 enthält eine etwas starke Reminiszenz des Andante aus der Beethovenschen D-Dur Symphonie.“ Schade, dass ich die zu lange Stelle nicht hersetzen kann! Der Leser würde sich über das ausgezeichnete Vergleichungs-Talent des Hrn. Halb. wundern. „Seite 25 ist zwei Takte nach der und <Ligtur> Ligatur die fehlerhafte Quinten-Fortschreitung der Tenore, und zwar auf den schweren Tacttheilen sehr auffällig.“ Folgende Stelle ist gemeint: XXXXXXXXXXXX „Die Seite 27, im 15. 16. 17. Tacte befindliche barbarische Stimmführung möchte kaum zu entschuldigen, geschweige denn zu Ehren zu bringen seyn.“ Da stehet sie: XXXXXXXXXXX |3| „Warum ist bei ‚Erdbeben‘ der accent statt auf der ersten, auf der zweiten Sylbe?“ (Ausgezeichneter, suche die Antwort beim Dichter.) „Warum ist auf: Mann (sollte heissen: Meer) und Krieg ein ganz unstatthaftes (!!) Melisma angebracht?“ Man sehe hier dasselbe: XXXXXXXXXXXX „Der folgende 2stimmige Canon mit einer freien 3ten Stimme im Bass ist ein wahrer Tummelplatz gelehrter Barbarei, ein Magazin der schneidendsten, herbsten Dissonanzen und der bizarresten melodischen wie harmonischen Combinationen, die mir das Gehirn förmlich angegriffen (schade für das ausgezeichnete Gehirn), das Ohr (schade für das ausgezeichnet stattliche) zerrissen haben. Wie schneidend ist gleich anfangs das in der Sub-Dominante eintretende, zur Oberstimme eine None bildende (Ich bitte um Verzeihung, Hr. Halb, der Bass ist keine None, er bildet den Hauptton des Akkordes, von dem die Oberstimme die None ist) Bass.“ Der Länge halber kann ich hier blos den Anfang des Canons hersetzen: XXXXXXXXXXXX „Seite 37 im 16. 17. 18. 19. Tacte wird unser Gehör nochmals mit der ätzenden Lauge der schärfsten Dissonnanzen übergossen.“ Hier folgen die vier Takte: XXXXXXXXXXXXX Das war die ätzende Lauge. „Seite 38 bei dem im 14. Tacte beginnenden Pianissimo, das mit der bekannten Chorstelle im 1. Final des Titus20 verwandt ist (!!), kommt die bereits gerügte unpraktische Stimmführung zum Vorschein.“ Das ist die Stelle: XXXXXXXXXX „No. 6 Quartett, As-Dur, 3/4 Tact, laboriert wieder an den mehrfach gerügten harmonischen Härten und Übelständen in der Stimmführung. Im 3. und 5. Tacte ist die Verdoppelung der |4| Quarte beim 64 -Accorde falsch (!!) und klingt überdies sehr schlecht“ (!!). Hier stehet der 3. 4. und 5. Takt: „Seite 58 hätten die im 9. und 10. Tact in der Oberstimme und dem Basse auf dem schlechten Tacttheile befindlichen Octaven vermieden werden können, wenn man“22 u. s. w. Man betrachte wohl folgende Stelle: XXXXXXXXXXXXX und man wird finden, dass der Hr. Halb folgende, in jedem Lehrbuch der Komposition vorkommende und erlaubte Nonen-Sequenz, worauf sich obige Takte gründen, nicht kannte: XXXXXXXXXXXXX „Bei dem Seite 71 im 4ten Tact in Gang kommenden Orgelpunkt bildet der in Achteln fortschreitende erste Bass zum in Vierteln sich bewegenden 2ten Tenor (und auf dem schweren Takttheil) Quintenfortschreitungen, denen ich (!!) wenigstens keinen Geschmak abgewinnen vermag.“ Diese Stelle stehe noch zum Schlusse hier: XXXXXXXXXXXXX Ich habe hier nur solche Stellen ausgewählt, die nach Ermessen des Ausgezeichneten Fehler gegen positive Satzregeln enthalten und überging Kürze halber alle seine Urtheile in Beziehung auf Geschmak, aber ich kann auf gut Gewissen versichern, dass sein Geschmak nicht weniger ausgezeichnet ist, als seine Kenntnisse. Sollten meine Leser in den oben gegebenen Stellen die Fehler nicht entdecken können, die der Ausgezeichnete darin fand, so würde es mir seiner Ehre wegen sehr leid thun, allein nicht meine Schuld seyn. Nach einer alten Erfahrung macht viel Galle, dass man alles <gelb> gelb sieht, und Ihnen, meine Leser, gehet eben seine Galle ab. Ja, nachdem der Ausgezeichnete in seiner Kritik meines Oratoriums eine |5| grosse Portion seiner Galle abgesezt hat, verlohr sein Blik plözlich fast alle seine Schärfe, und er hat in Spohrs Vaterunser, wo ihm zwar auch allerlei nicht recht war, Seite 5 Tact 2: XXXXXXXXX oder Seite 15 Tact 1 und 2: XXXXXXXXXXXXXX und in Kleins Motette Seite <4 Tak> 2, Takt 4: XXXXXXXX <> oder oder Seite 23 Seite 5 Takt 7: Takt 4–5. XXXXXXXXXX die aufeinander folgenden reinen Quinten, Primen, nicht aufgelössten Septimen, nebst noch vielen ähnlichen Stellen, nicht gesehen. Der Hr. Halb ist auch ein sehr grosser Feind von Zopf und sagt: „Der Zopf ist doch Gott sey Dank in unserer Literatur längst beseitigt; nach grade wäre es einmal Zeit, dass er auch in der Musik verschwinde.“ Recht so! Den Zopf wird niemand vertheidigen wollen. Allein ich wollte doch keinem rathen, sich ihn von unserm Ausgezeichneten abscheeren zu lassen, weil dieser gar leicht ihm den Kopf mit dem Zopf abschneiden könnte, oder er würde wenigstens in Gefahr laufen, vor lauter Zopf-Scheu, wie leider mancher zopflose Held der neuesten Zeit, ein Kahlkopf zu werden. Übrigens zeigt der Halb in dem, was er über mus. Satzregeln faselte, dass er selbst noch einen ungeheuren Zopf hat. Er sieht ihn aber nicht, denn „der Zopf, der hängt ihm hinten“. Ich glaube nun meine Leser in den Stand gesezt zu haben, selbst aus den oben abgedruckten, vom Hrn. Halb. herausgehobenen Stellen aus meinem Oratorium selbst einsehen zu können, wie sehr ausgezeichnet, gründlich, geistreich, unbefangen, u. s. w. sein Urtheil war. – Sollte aber der Eine und der <Andere> Andere nicht meiner Meinung seyn, sondern sagen: Der ganze Bericht des Hrn. Halb. ist ein Gewebe von gemeiner Bosheit und grenzenloser Unwissenheit; der ganze Ton desselben, der überall bei den Haaren herbeigezogene Tadel zeigt deutlich die Absicht zu lästern und zu verläumden, indem er einfache, klare Stellen des Oratoriums flach, und ungewöhnliche bizarr schillt; sollten manche mit den Motiven aus denen der Bericht hervorging so vertraut zu seyn vermeinen, dass sie sagen: Der eigne Neid des Hrn. Halb. ward durch den Neid eines < > gleichgestimmten Freundes von ihm multipliziert; ja, sollten Einige noch weiter gehen, und in dem Bestreben aus dem Hrn. Halbanonymus einen Hrn. Onymus zu machen (um Deutschland zu zeigen, wer der ausgezeichnete Kritiker ist, auf den es stolz sein kann) zwischen die Buchstaben: K–y, noch |6| diese: o. s. m. a. l. setzen – so habe ich nichts dagegen; denn ich lasse jedem seine Meinung, ohne sie deswegen selbst zu theilen, and Brutus is a honourable man.29
X. Schnyder von Wartensee.

Frankfurt am Main im November 1838.

[BV-E, Nr. 1171, dat. 3. November 1838:] Schnyder v. Wartensee [beantwortet:] +

  Absender: Schnyder von Wartensee (1388)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 16
Robert und Clara Schumanns mit Bernhard Scholz und anderen Korrespondenten in Frankfurt am Main / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Anselm Eber / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-027-8
1017-1025

  Standort/Quelle:*) PL-Kj, Korespondencja Schumanna, Bd. 8 Nr. 1171
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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