19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 6858 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 31.12.1841
 

31 Dcbr 1841.

Lieber Schumann

Beiliegende ist meines Wissens die letzte Rechnung die ich von Ihnen erhalten. Ihre Uebersendung benutze ich zu einer Bitte zu deren längst gewollten Eröffnung ich so wenig Muth als <>passende Gelegenheit und Einkleidung fand. Die gestrige Ankündigung Ihrer Reise nöthigt mich dazu. Rechnen Sie, so schrei ich ehrlich gleich heraus, <> fürder nicht auf mich; überhaupt nämlich und im Besondern; denn es ist nicht mehr auf mich zu rechnen. Traurig genug sind die Gründe, am traurigsten für mich. Eben darum schwieg ich bis jetzt. So oft ich dran ging <–> zu sprechen darüber nemlich – überkam es mich wie Meerrettich (oder heißts Möhrrettich?) und Zwiebelduft; denn einiger Spaß soll mir jetzt die Brücke schlagen über die Kluft. Mein erster Grund ist natürlich der: es geht nicht mehr. Man kann freilich gut 2 Herrn dienen, auch dreien u. vieren Aber eine Zeit kommt, da ist es aus; vermoll[?] getödtet sinken die Kräfte, die edelsten, zarten zuerst, und unwiederbringlich. – Soll ich mehr sagen? es thut mir weh! wahrhaftig zu weh. – Und dann der steinerne Druck von Außen – Kann denn Einer mit einer Zentnerlast auf dem Rücken, vorne noch <>wol <> schöne <Künste> <> Stellungen machen und Pas[?] oder feine Handarbeiten? und wird es denn lange <aushalten> treiben? Das bringt mich aber schon auf meinen zweiten <Grund> – ach! noch traurigern Grund. Die Nothwehr <,> ist es, die Pflicht der Selbsterhaltung <legt mir>, die mir die Nothwendigkeit auflegt, den Rest von Zeit und Kräften <zu> endlich zu concentriren für eine bestimmte, begrenzte Thätigkeit. Welche? – zum Schriftsteller bin ich zuverlässig nicht geboren, und wär ich längst verdorben. Geben wir also Stunden – aber recht, ohne Zerstreuung – ohne – ohne Stolz. Zur Abwech[slung] in leeren Stunden eine mechanische Beschäftigung die <durch> nicht durch zu großes eignes Interesse die Hauptthätigkeit beeinträchtigt u. s. w, <S>so gelingt mir wohl allmälich mir ein eignen Herd <> ach nein! nur ein Winkelchen zu bauen wo ich wenigstens vor den rauhsten zerstörendsten Stürmen des Lebens gesichert <> thun und träumen kann bis zum Ende. Nach Ruhe, nicht des Geistes nicht des Körpers, sondern des Gemüths, der Gefühle; sehn ich ich [sic] mich ja todtmatt<> – Was wollen denn noch die Wünsche, Träume, Thorheiten Hoffnungen des Knaben im zersinkendenden [sic] dorrenden Körper<>? Warum unter allen Muskeln nur das Herz nicht verschrumpft unter allen Säften nur das ewig ebb- und fluthende Blut zuletzt versiecht und die brennende Thräne? – Aber, Freund, werd ich denn nicht ganz kindisch und verflucht sentimental und überhaupt ziemlich misserabel? und wollt ich Sie denn nicht vielmehr letzlich nur noch bitten, mich ziehen mich <> denn also <> still verenden zu lassen? und nur noch einmal <>herzhaft rufen:
Addio!
und Glück auf zum Neuen Jahr? OL.

Herrn
Dr. R. Schumann
Wohlgeboren
hier
Inselstrasse
N 5.7

  Absender: Lorenz, Oswald (972)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.19, S. 734ff
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.