19.12.2019

Briefe



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ID: 7134 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 05.02.1842
 

Verehrtester Freund,
es peinigt mich zu sehr, Sie länger ohne Beantwortung Ihres werthen Briefes zu lassen u. ich mach mich daran, wenn gleich es mir nicht erlaubt ist, Ihren Wünschen völlig entsprechen zu können. Für’s Erste: – obgleich neuerdings erhaltene Nachrichten aus Dresden mir melden, daß nach zahllosen Verzögerungen endlich die Zeit bis zum Beginn des Urlaubes der Schröder-Devrient zu kurz geworden sei, um meine Oper gut einstudirt bis dahin in Scene gehen zu lassen, weshalb sie denn erst nach der Rückunft der Schr.-Devrient (d. h. August oder September d. J. – ) herausgebracht werden soll, – obgleich – frage ich, – somit das nächste Ziel meiner Reise hinwegfiele, so habe ich dennoch in diesem Bezuge meinen Plan nicht geändert, u. reise – um nach sechs Jahren endlich mein deutsches Vaterland einmal wieder zu sehen, u. um nebenbei meine Frau Töplitzer Badekur genießen zu lassen, künftigen März von Paris ab, bleibe bis zum Herbst zum mindesten in Deutschland u. kehre wohl erst im Winter wieder nach Paris zurück. Unter solchen Umständen kann ich Ihr freundliches Anerbieten wegen Berichten aus Paris natürlich nicht annehmen; ich habe demnach gesucht, Ihnen einen anderen Korrepondenten zu verschaffen u. sprach deshalb mit Anders, Mitredacteur der Gazette musicale u. employé auf der Bibliothek. Dieß ist nicht nur ein äußerst gelehrter Musiker, sondern er schreibt auch eine sehr gute Feder: leider ist er aber bei etwas vorgerücktem Alter (50 Jahre) etwas bequem u. unentschlossen, u. das einzige Mittel ihn zu einer geregelten Mitwirkung zu vermögen würde nur eine feste u. bestimmte Honorar-Zahlung sein, auf welche ich – beiläufig gesagt – jedenfalls verzichtet hätte. Ist Ihnen mein Freund recht, so haben Sie daher doch die Güte, ihn bestimmt u. fest aufzufordern: da er selbst nicht Komponist ist, haben Sie an ihm einen sehr unbefangenen, selbstständigen Berichterstatter. Adresse: G. E. Anders, rue de Seine St. Germain, No 59, Hôtel de France. –
Nun wäre es denn aber doch meine Pflicht gewesen, Ihnen wenigstens noch ein Paar Berichte zu schicken: dieß ist mir aber rein unmöglich gemacht worden. Für Schlesinger habe ich einen Haufen Brod-Arbeit übernehmen müssen, die mir, zumal wenn ich im März damit fertig werden will, buchstäblich fast keinen Augenblick Zeit übrig lassen. Um Ihnen jedoch zu zeigen, daß ich den guten Willen dazu hatte, lege ich hier etwas Angefangenes bei: Sie werden daraus ersehen, wie sehr ich mich gleich am Anfange verwickelt hatte u. begreifen leicht, daß, um eine so ziemlich paradox hingeworfene Behauptung nur mit einigem Erfolg durchzuführen, ich ganze Bögen hätte schreiben müssen, was Ihnen erstlich nicht einmal recht gewesen sein wäre, u. mir außerdem der Zeit wegen rein unmöglich war. Um Sie jedoch nun einiger Maaßen zufrieden zu stellen will ich Ihnen als Brief – natürlich, ganz flüchtig u. lakonisch einige Notizen mittheilen, die Ihnen nach Belieben vielleicht St[off(?)] an die Hand geben mögen, um sich in Ihrem Blatte vielleicht selbst zu corres[pon-(?)]diren oder wie Sie sie sonst benutzen, oder nicht benutzen wollen. Jedenfalls bedürfen Sie aber eines unabhängigen Korrespondenten Aus Paris, – denn Berlioz Berichte im Journal de débats können Ihnen unmöglich eine richtige Ansicht geben, da sie unter tausend Rücksichten verfaßt sind.
Also – kurz u. flüchtig. –
Halevý’s Reine de Chypre ist nicht übel, Einzelnes schön, Manches trivial – als Ganzes ohne besondere Bedeutung. Der Vorwurf des Lärmen’s ist ungerecht; im 4ten Acte ist er am rechten Flecke, (zumal für unsere Zeit –) im Uebrigen ist durchgehends das Streben nach Einfachheit, u. besonders in der Instrumentation, bemerkbar. – Vergessen Sie nicht: Halevý hat kein Vermögen: Er hat mich versichert, daß – wäre er vermögend – er nie mehr für das Theater, sondern Symfonien, Oratorien u. dgl. schreiben würde: denn an der Oper sei er gezwungen, Sclave des Interesse’s des Direktor’s u. der Sänger, u. genöthigt, mit Absicht schlechtes Zeug zu schreiben – Er ist offen u. ehrlich, u. kein absichtlich-schlauer Betrüger wie Meyerbeer (daß Sie aber auf diesen nicht schimpfen!) Er ist mein Protector u. – Spaß beiseite – ein liebenswürdiger Mensch.
Der Zug nach der Opéra comique gilt nicht der Einfachheit – sondern rein der Mode. Nehmen Sie dieß unmotivirt auf mein ehrliches Wort hin! Bedenken Sie: Richard Löwenherz ist von Adam (!!) bearbeitet u. instrumentiert. Was den Lärm betrifft so bleibt er also hierbei derselbe, wie bei Zampa etc. – Außerdem sind es die Sänger: sie singen Ô Richard, ô mon roi! mit eben dem entrain u. beliebten Albernheiten wie den Fra
diavolo; sie modernisiren vom Kopf bis zum Fuß: das gefällt u. nebenbei hat Gretrý am Ende auch noch hübsche Musik geschrieben. Voilà tout!
Wir machen uns schreckliche Illusionen über den großmüthigen Geschmack dieses Publikum’s, von seiner scheinbaren Gerechtigkeit u. s. w. Paris ist aber groß: warum sollen sich da nicht 200 Menschen finden, die im Conservatoir den Beethoven’schen Symfonien Geschmack abgewinnen? Das eigentliche Opern-Publikum versteht aber nur Cancan: das ist zu deutsch rafinirte Schweinerei – (was das Empörendste ist.) ohne Gluth u. Begierde. – Betrachten Sie um Himmels Willen – Berlioz. Dieser Mensch ist durch Frankreich oder vielmehr Paris so ruinirt, daß man nicht einmal erkennen kann, was er vermöge seines Talentes in Deutschland’s [sic] geworden wäre. Ich liebte ihn, weil er tausend Dinge besitzt, die ihn zum Künstler stempeln: wäre er doch ein ganzer Hanswurst geworden: in seiner Halbheit ist er unausstehlich – u. – was das Entsetzlichste ist, – grenzenlos langweilig. Letzthin gab er ein Konzert, welches das Publikum systematisch aus der Haut trieb. Wer vor Langeweile u. Degout noch nicht aus der Haut gefahren war, der mußte übrigens zum Schlusse seiner Apothoese, in der July-Symfonie – es vor Freude thun: Das ist das Merkwürdige: in diesem letzten Satze sind Sachen, die an Großartigkeit u. Erhabenheit von Nichts übertroffen werden können. – Bei alldem steht Berlioz gränzenlos isolirt. Der Geschmack ist in Paris gränzenlos gesunken: Denken Sie zurück an die Zeiten Boyeldieu’s, der weißen Dame –, an Auber’s, Schlosser und Maurer, Stumme u. halten Sie dagegen, was jetzt produzirt wird – Adam etc. An der komischen Oper ist es entsetzlich: die schlechtesten Auber’schen Floskeln bilden das heutige System dieser jungen Komponisten: Thomas, Clapisson etc. In Allen herrscht eine gräßliche Abspannung. –
An dem Sinken des hübschen französischen Styles in der opéra comique sind hauptsächlich die Italiener schuld: – sie werden unbedingt vergöttert u. nachgeahmt. Die sonst so hübschen Couplets sind entweder nichtswürdige gänzlich Melodielose, geklapperte Drei-Achtel-Takte geworden, oder sie imitiren die italienische Gefühlsmanier (!) dieß Italienische Gefühl ist aber ein großes Unglück; es verführt selbst ehrliche Leute: sie geben Alles auf den Vortrag der Sänger, u. der Komponist wird am Ende Publikum, der den Sängern applaudirt, vergessend daß das, wer es singt, von ihm ist.
– Da haben Sie auch die Ganze Stabat mater-Geschichte: alle Wochen führt man es in der italienischen Oper auf: Die Italiener singen es, u. somit ist es gut, – es ist Mode. Fassen wir uns kurz: hier gilt nur die
Virtuosität: Liszt spielt hier ebenso gut die Rolle eines Narren, wie Duprez auf dem Theater; – Alles was sich am Pariser Horizonte zeigt, sei es noch so tüchtig – wird schlecht u. narrenhaft: denken Sie an Berlioz. – Ich höre, Mendelssohn soll eine Oper für Paris angetragen worden sein: ist Mendelssohn so wahnsinnig, dem Antrage zu entsprechen, so ist er zu bejammern; er ist meiner Ansicht nach nicht einmal im Stande, in Deutschland mit einer Oper Glück zu machen: er ist viel zu geistig, u. es fehlt ihm durchweg die große Leidenschaft: wie soll das in Paris werden? – Hätte er den Freischützen gesehen! – Wie glücklich wären wir, wenn wir uns ganz von Paris lossagten! Es hat eine große Epoche gehabt, u. diese hat jedenfalls gut u. heilsam auf uns eingewirkt. Damit ist es aber aus, u. wir müssen von unsrem Glauben an Paris lassen! – Wahrscheinlich habe ich nicht mehr nöthig, dazu zu ermahnen. –
– – Jedoch, ich sehe, daß ich Ihren eigentlich keine Notizen gebe: daß ich vielmehr bloß räsonire. Vielleicht lade ich mir durch mein bitteres Auslassen sogar den Verdacht des persönlichen Aerger’s drauf: damit geschieht mir aber Unrecht: Geduld habe ich hier zwar nöthig gehabt, u. bedarf drum noch; – indeß sind mir gute Zusagen gemacht auf deren Erfüllung ich vielleicht verzichte, wenn mir es in Deutschland gut geht, die ich für jetzt aber immer noch festhalte, einzig u. allein des Geldgewinnes wegen, auf den ich mir für glücklichen Fall Rechnung machen kann.
Wessen Finger geläufig sind, hat es hier besser: Heller, Rosenhain etc geht es jetzt ziemlich gut, wiewohl sie immer nur aus dem Vortheil ziehen können, was sie als Künstler verachten. Keiner kann u. darf sich zeigen, wie er ist; als solcher müßte er verhungern: Dessauer, der hypochondrische Kautz, wurde letzthin aufgefordert, zum Fidelio Rezitative zu schreiben: er hat es mit gutem Takte u. künstlerischem Gewissen ausgeschlagen. Ueber so etwas staunen die Franzosen. –
So habe ich doch ein ganzes Blatt vollgeschrieben, u. überlege mir eben, daß ich es gescheuter hätte machen können. Sie haben keinen Brief u. keinen Bericht. Verzeihen Sie mir!
Finde ich, so lange ich noch in Paris bin, doch noch einmal Zeit, Ihnen etwas Ordentliches zu schreiben, so zählen Sie darauf. Einstweilen üben Sie Nachsicht u. seien Sie der freundschaftlichen Hochachtung versichert, mit der ich bin
Ihr
ergebenster
Richard Wagner

Paris, 5 Jan 1842.
14, rue Jacob

Herzliche Grüße von Kietz.
Das Exemplar der Musik-Zeitung habe ich unter dem je[tzigen(?)] Bewandniß zurückgeschickt.

  Absender: Wagner, Richard (12918)
  Absendeort: Paris
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
60-66
 



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