19.12.2019

Briefe



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ID: 774 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 08.08.1847
 

Dresden, den 8ten August 1847.

Geehrter Freund,

Meinen besten Glückwunsch, daß, gewiß nach mancher Mühe und Sorge, die von Ihnen angeregte Idee in’s Leben treten soll! Vielleicht höre ich auch ein Stündchen zu – doch davon zum Schluß. Heute früh dachte ich nun über meine Anträge etwas schärfer nach – da brachte mich nur die Art der Form, in der sie auszusprechen, in Verlegenheit. Hätte ich Zeit, sie förmlich auszuarbeiten in besonderen Aufsätzen, so wäre das freilich das Beste. Aber das will Zeit, sogar viel Zeit, zumal ich etwas aus dem Buchstabenwesen heraus bin. So halte ich denn für das Ersprießlichste, ich theile Ihnen in Kürze meine Gedanken mit, und Sie nehmen sich daraus, was Sie für den Zweck der öffentlichen Besprechung für gut befinden, wobei Sie nun meinen Namen nennen mögen oder nicht, ganz wie Sie es wollen. Also möchte ich, daß sich aus der Mitte der Tonkünstlerversammlung eine Section bilde zur Wahrung classischer Werke gegen moderne Bearbeitung. Dieser Section würde die Pflicht obliegen, von allem dahin Einschlagenden, also von allen neuen Ausgaben älterer bedeutender Werke sich Notiz zu verschaffen, zu prüfen, in wie weit die Herausgabe das Original unangetastet gelassen, oder wo sie es ungehöriger Weise verändert, endlich in einer hoffentlich im nächsten Jahre sich wiederholenden allgemeinen Versammlung über das Ergebniß der Wirksamkeit der Section Bericht zu erstatten. Sodann möchte ich einen Antrag stellen auf Gründung einer Section zur Ausfindigmachung verdorbener Stellen in
classischen Werken, in dem Sinn, wie ich schon früher in dem Aufsatz „über einige muthmaßlich corrumpirte Stellen in Bach’schen, Mozart’schen und Beethoven’schen Werken“ es angeregt habe. (N. Ztschr. f. M. Bd. 15, S. 149). Dieser Section müßte, wie der vorhergenannten, es gleichfalls obliegen, alles hierher Passende ausfindig zu machen, und zu sammeln und in der nächsten Versammlung zur Sprache zu bringen. Das gäbe interessante, durch und durch praktisch eingreifende Debatten. Daß bei dieser Gelegenheit vielleicht des Mozart’schen Requiems, über das noch immer die verkehrtesten Vorstellungen herrschen, und das nicht allein corrumpirt sondern bis auf einige Nummern ganz unecht ist, gedacht würde, wäre ein großes Verdienst der sich einer genaueren kritischen Untersuchung unterziehenden Section. Sodann wünschte ich zur Sprache gebracht das französische Titelwesen, desgleichen den Mißbrauch italienischer Vortragsbezeichnung in Compositionen deutscher Tonsetzer, und würde Sie bitten, einen Antrag zu stellen auf Abschaffung aller Titel in französischer Sprache, wie auf Ausmerzung solcher italienischer Vortragsbezeichnungen, die sich eben so gut, wo nicht besser in deutscher Sprache ausdrücken lassen. Endlich richte die Versammlung ihr Augenmerk auch darauf, auf welche Weise künftige, hoffentlich alljährlich wiederkehrende Versammlungen so einzurichten seien, daß durch sie auch für Aufmunterung namentlich jüngerer Tonsetzer etwas genützt werde,
geschehe dies nun durch eine öffentliche Aufforderung einer dazu sich constituirenden Section, Manuscriptcompositionen irgend einer bedeutenderen Kunstgattung (also größere Kirchenstücke, Symphonien, Quartette für Streichmusik) an die Section einzusenden, aus denen die besten gewählt und in der nächsten allgemeinen Versammlung zu öffentlicher Aufführung kommen, – oder auf die sonst übliche Weise einer Preisausschreibung, oder sonst wie. Dies, lieber Freund, sind meine Anträge; bringen Sie nun zur Sprache und machen Sie sie zu Ihren eigenen Motiven oder sonst daraus, was Sie wollen. Ich fühle, wie schwer sich schriftlich aussprechen läßt, was die eindringliche Rede weit schneller vermag. Nun noch die Bitte, daß Sie, wenn Sie nicht zu sehr beschäftigt sind, mir mit nur ein paar Worten schreiben möchten, was an den beiden Tagen, den 13ten und 14ten alles, und in welcher Folge es vorgenommen, wie mit einem Wort die Zeit verwendet werden soll, und dann auch, ob Sonntag etwas stattfindet. Vielleicht komme ich noch zum Sonnabend oder Sonntag.
Gewundert hat es mich, daß Sie schon einen Vorsitzenden gewählt haben, was meiner Meinung nach von der allgemeinen Versammlung hätte geschehen sollen. Doch kann ich mich darin vielleicht irren.
Aufrichtig ergeben der Ihrige
R. Schumann

  Absender: Schumann, Robert (14753)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Brendel, Franz (261)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
260ff.
 



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