25.02.2022

Briefe



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ID: 8199
Geschrieben am: Mittwoch 28.03.1866
 


Wien d. 28ten März 1866.

Geehrte Frau,
es würde mir schwer werden, nachdem Sie sich schon so vieler Mühen unterzogen und auch überdies ein so warmes Interesse mir entgegen bringen noch auf meiner Ihnen ausgesprochenen Bedingung zu verharren und wollen wir es daher dem Zufalle überlassen. Ich sende Ihnen hierbei das Programm und bitte Sie die Gesangnummern auszufüllen, |2| sowie gefälligst für einen Begleiter der Lieder zu sorgen.
Sollten Sie aber, da Sie nie ein Concert arrangirt nicht lieber sich noch eine männliche Hülfe dazu nehmen? Es muß doch an vielerlei dabei gedacht werden, so z. B. daß die Annoncen rechtzeitig gemacht werden, Billete gedruckt, Anschlagzettel, wenn es dort Gebrauch ist, dann ein Podium besorgt werden für das Clavir etc. etc. –
Zu welcher Tageszeit soll das Concert stattfinden? |3| Mittag oder Abends?
Ich stelle ganz Ihrem Ermessen frei, ob Sie Montag d. 4ten oder Dienstag d 5ten als Concerttag bestimmen wollen – <M>mir ist es gleich, vielleicht dürfte der Feiertag noch günstiger sein, doch wissen Sie das besser, die Sie die dortigen Verhältnisse kennen.
Der <letzten> vierten piece auf meinem Programm, muß eine Erklärung beigefügt werden. Ich sende einen Concertzettel aus Pesth mit, wonach wörtlich abzudrucken, doch bitte mir Denselben |4| zu verwahren, da ich ihn benöthige. –
Ich sehe nun Ihrer weiteren Nachricht entgegen – welchen Tag Sie genommen, zu welcher Stunde das Concert stattfindet, und ob sonst Alles in Ordnung ist. Für den Flügel sorge ich.
Indem ich Sie mit aller Hochachtung grüße verbleibe ich
Ihre ergebene
Clara Schumann
P. S. Wollen Sie mir gefälligst sagen in welchem Hotel ich absteigen soll?

[Beilage]
Zum
besseren Verständniss des „Carnevals“ [sic]
von
Robert Schumann.
Diese Composition mag als ein Abbild flüchtigen Carnevalslebens angesehen werden, wie es sich etwa auf einem Maskenballe conzentrirt und in bunten Wechsel entfaltet. Schattenspielartig treten einzelne Gestalten auf, theils allgemeine, wie Pierrot und Arlequin, Pantalon und Colombine, theils ganz besondere, wie Chopin, Paganini; aber nur für wenige Momente wird das Einzelne sichtbar, um rasch von einem Neuen verdrängt, oder von dem umflutenden Strome verschlungen zu werden. So viel im Allgemeinen.
Im Einzelnen nur ein Paar Worte über die letzte Nummer „Marche des Davidsbündler contre les Philistins.“ Es hatte sich in jener Zeit, da diese Composition entstand, ein Bund lebhafter, für die Kunst enthusiastisch entbrannter Geister gebildet, welche sich die Davidsbündler nannten und in deren Mittelpunkt Robert Schumann stand. In Wort, Schrift und That bekämpften sie jene Pedanterie und Heuchelei, welche in der Kunst z. B. sich dadurch äussern, dass sie in dem chablonenartigen Nachnahmen [sic] von Formen, welche sich im Laufe der Zeit gebildet haben und durch grosse Meister in den Grundzügen allerdings zu ewigen Normen erhoben worden sind, das allgemeine Heil erblicken und die blosse nüchterne Correktheit gerne als die eigentliche „Classicität“ auf den höchsten Thron erheben möchten. In dieser Stimmung wurzelt wohl hauptsächlich die ganze Composition – von einem damit verbundenen reinmusikalischen Scherze abgesehen, dessen Erörterung hier zu weitläufig wäre – sie findet aber in dem letzten Stücke ihren entscheidensten Ausdruck. Die Melodie eines alten, sehr bekannten Volksliedes bildet die Grundlage desselben.
Alles Uebrige bleibe der Fantasie des Hörers überlassen.
B.
Pest 1856. Druck von Johann Herz.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Spányik, Cornelia von (14669)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
805ff

  Standort/Quelle:*) SK-BRm; s: Batka János levélhagyatéka 1
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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