19.12.2019

Briefe



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ID: 8543 Brieftext


Geschrieben am: Montag 21.11.1853
 

Lieber Kriegscamerad,

Nachdem ich in den vorigen Tagen einige 20 Pfünder-Ladungen in das feindliche Lager geschickt, ist einige Ruhe eingetreten. Noch gestern hörte ich, daß ein andrer Kriegscamerad von den bösen Feinden heimlich angestellt worden wäre, mich mittelst einer unterirdischen Mine in die Luft zu sprengen, worauf besagter Camerad aber durch seinen Gesichtsausdruck geantwortet hätte, er möchte sie lieber in die Luft <zu> sprengen. Ist das nicht lustig? Aber sollte Ihnen etwas von der Verschwörung bekannt sein, so möchte ich’s wohl gerne wißen. Noch ist mir und meiner Frau <noch> etwas Tragikomisches passirt. Wir haben einen Freund, an dem wir vielen Theil nehmen. Dieser hatte nun meiner Frau mit einem gewißen Ernst gesagt, daß in den vorigen Tagen sich etwas entschieden hätte, was für sein ganzes Leben von Bedeutung wäre. Meine Frau kam etwas bestürzt zu mir und sie deutete an, daß das wohl eine zurückgegangene Bräutigamschaft wäre, worein ich auch mit einigen Verwünschungen einstimmte. Endlich kurz darauf kamen andere Botschaften und – denken Sie – mit der entgegengesetzten Versicherung, daß es eine gewonnene wäre – worauf uns denn die Schuppen von den Augen fielen und wir klar sahen, was wir längst gesehen hatten – und so wurden nun unsere Glückwünsche doppelte. Lieber Joachim, ich werde eine Hochzeitssymphonie componiren mit einem Violinsolo und als Intermezzo mit einem Mährchen; ich werde darauf schreiben: „Diese Symphonie gehört dem Joachim“, ich werde manches hineinweben, auch Ihr unzähliges Fortreisen-wollen in Bonn, und das andere in Düsseldorf, was gute musikalische crescendo’s giebt, und Ihr oft gänzliches Verschollensein in Düsseldorf, wo wir Sie wie Franklin suchten; kurz meine 5te soll’s werden, aber nicht in C-moll, sondern in Cdur und ohne ein langes Adagio. Nun geben Sie mir die Hand; versprechen Sie die Hochzeit, so ich die Musik dazu. Sie Schelm! Uns so zu überraschen! Vieles möcht’ ich noch schreiben. Aber ich bin [in] einen zu lustigen Accord gerathen, aus dem ich nicht herauskann. Drum Adieu, lieber Bräutigam!
R. Sch.

Verehrtester Herr Joachim,

ich lege meines Mannes Brief einige Zeilen bei, und leider betrifft es wieder die Elberfelder Concert-Angelegenheit. Ich schrieb Ihnen neulich durch Langenbach über die Verhältnisse mit dem Johannisberge, was ich damals wußte, und von Langenbach förmlich dazu gezwungen; nun war aber Frl. Hartmann mehrere Tage in Elberfeld und Barmen und hat da nähere Erkundigungen eingezogen, die der Art sind, daß es mich doch drängt, <S> sie Ihnen mitzutheilen. Es ist allerdings wahr, daß dort oft Concerte sind, wo weder gegessen noch getrunken wird, doch die vornehme Welt geht nicht hin, und allgemein hat man mich warnen lassen, es nicht zu thuen, denn man würde es meiner unwürdig finden. Der Eintrittspreis ist gering da, und so findet sich meist nur der Mittelstand ein. Ich theile Ihnen dies natürlich in dem Vertrauen mit, daß Sie meiner auf keine Weise erwähnen, ich mußte es aber thuen, um ganz vorwurfsfrei zu sein, wenn Sie Sich etwa entschlossen hätten, da zu spielen. Ich thue es natürlich nach diesen Berichten nicht, obgleich mir die Herren furchtbar zugesetzt, und ich es beinah versprochen hätte. Verzeihen Sie freundlich, daß ich Sie mit solchen Dingen quäle, aber es ging mir die Sache so sehr im Kopfe herum, weil ich Ihnen erst andres geschrieben. Robert wird Ihnen Anderes von uns geschrieben haben, daher ich Sie nur noch herzlichst grüße – und, darf ich, auch Ihre Braut!? –
Clara Schumann.

NB. Wenn Sie an Robert schreiben wollen, so thuen Sie es bitte, bis zum 15 December nach Rotterdam unter der Adresse: Herrn Hof-Musikdirector J. J. Verhulst.

[Umschlag]
Sr Wohlgeboren
Herrn Hof-Concertmeister
Joseph Joachim.
Hannover
Frei.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort: Hannover
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
104ff
 



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