19.12.2019

Briefe



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ID: 8667 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 28.03.1855
 

Düsseld. d. 28 März 55.

Liebster Joachim,

beifolgend wieder ein Brief des Geliebtesten, der Sie freuen wird! wie glücklich bin ich darüber, daß auch Er so entzückt von Ihren Variationen ist! wohl wüßt’ ich, daß es so sein müßte, doch das Schönste und Herrlichste hört man ja so gern immer wieder. Könnte er die Var. doch hören! wollen Sie nicht später einmal mit Joh. hinüber gehen, und sie Ihm vorspielen? Wenn werden Sie nun kommen? ich glaube noch, Sie thuen es gar nicht! Ihre Aeußerung neulich daß nun das Ende vom Lied ist, Sie bleiben, wo Sie sind, hat mich in größte Verwunderung und Bewunderung Ihres Wankelmuthes versetzt, und noch kann ich’s gar nicht glauben und fassen wie solcher Entschluß – doch, der war es wohl auch noch nicht, und sind Sie nie mehr wankelmüthig, so seyen Sie es nur jetzt noch einmal, und bleiben Sie nicht in dem abscheulichen Hannover. Sagen Sie mir doch, Lieber, wie kommt es, daß ich die Gnade des Königs so ganz verloren? das thut mir doch recht wahrhaft leid, denn nie verehrte ich ein Fürsten-Paar mehr, als König und Königin, immer waren sie so gütig gegen uns gesinnt, und nun auf einmal will der König nichts mehr von mir wissen. Soll ich einen Verdacht aussprechen, so ist’s der, daß Wehner nicht aufrichtig zu Werke geht – er hintertreibt mein Spiel dort, weil er lieber selbst spielt! das ist nicht schön, und hätte ich’s Ihm nicht zugetraut. Von mir kann ich Ihnen eigentlich nicht viel Gutes sagen, d. h. ich lebe, bin auch nicht krank, doch wenn ich in mein Innerstes blicke, so sehe ich schlimme Gebilde. In Pommern ging mir’s gut, aber ich konnte es nicht mehr aushalten dort, ich sehnte mich zu sehr nach dem theueren Johannes; und jetzt bin ich in Ruhe hier, da treibt mich wieder die innere Unruhe hin und her! die Sorgen für den Sommer nehmen oft all meine Sinne gefangen. Johannes hat mich überrascht mit einem herrlichen ersten Pianoforte Quartett-Satz, er hat auch den Letzten schon im Sinne, macht’ er es nur fertig! ich rede so viel zu. Und dann sollten Sie hören seine Sarabande, Gavotte, Gigue – eines Bachs vollkommen würdig, glauben Sie mir’s! wunderbar rührt’s Einem, wenn er die Sachen spielt, in sich selbst versunken! nun, Sie wissen’s, wie wir Ihn lieben müssen am Clavier und auch so! – Beiliegend einige Zeilen an Grimm – wir wissen seine Adresse nicht, daher bitten wir Sie, dieselbe darauf zu schreiben, und dann abzuschicken! hat Grimm auch seinen Shwal wieder erhalten? Daß wir neulich die Heinrich Ouvertüre nicht hören konnten, war uns recht bitter – wäre nur das leidige Geld nicht in der Welt, wir wären gekommen! Sonntag wird die große Missa solemnis von Beethov. in Köln ganz aufgeführt – ich will mit Johannes hin, das muß Er hören! wollen Sie mit uns? kommen Sie, wenn Sie können! Herzinnig grüße ich Sie, lieber verehrter Freund! Bleiben Sie gut, und zeigen Sie daß Sie’s bleiben
Ihrer
Clara Sch.

Sie sollten doch dem armen Grimm die letzten Briefe Roberts auch einmal schicken! er soll sie mir gleich wieder senden. Johannes sagt Ihnen das Schönste!

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
199-202
 



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