19.12.2019

Briefe



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ID: 876 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 10.08.1849
 

Dresden, d. 10. August 1849.
Verehrter Freund!
Es bleibt mir heute nur noch zu ein paar Bemerkungen Zeit, da mich die Durchsicht der Partitur etwas angegriffen. Von letzterer habe ich indeß nur die Blasinstrumente durchgesehen. Da Sie correcte Einzelstimmen des Chores und des Quartetts zur Abschrift haben, so unterließ ich es, in der Partitur auch den Chor und das Streichquartett zu revidiren.
In der Metronombezeichnung haben Sie und Montag, den ich vielmal grüße, einen Anhalt für meine Gedanken. Der Wechsel der Tempi soll überall ein leise vorübergehender sein. Am meisten macht immer das Stück: „Nebelnd um Felsenhöh’“ zu schaffen. Das Tempo ist um die Hälfte langsamer als vorher das As-dur; es bleibt eben derselbe Rhythmus.
Da die sechs Solostimmen in der Stelle: „Du schwebst zu Höh’n“ immer Schwierigkeiten machen, so habe ich die ganze Stelle für nur 4 Stimmen (2 Soprane und 2 Alte) vereinfacht auf ein Extrablatt geschrieben, das Sie in der Partitur finden.
Haben Sie eine Harfe? Wo nicht, so müßte die Stelle auf dem Flügel gespielt werden.
Den Text lassen Sie wohl jedenfalls drucken? Finden Sie als Collectivbezeichnung des Stückes „Fausts Verklärung“ passend, so nennen Sie es auf dem Programm so.
Zu Anfang von Nr. 55 sollen nur erste und zweite Violinen, 2 Bratschen und 2 Violoncello spielen; es klingt dies nach dem vorangehenden starken Chor in H-dur sehr leise und schön.
Die Hauptsteigerung des Werkes liegt in dem poco a poco crescendo in Nr.7 von den Worten „Alles Vergängliche“ bis zu: „Das Ewigweibliche zieht uns hinan.“ Den Schlußchor, obwohl Allabreve, fangen Sie nicht zu schnell an, wie ich denn überhaupt den Charakter der ganzen Composition als einen ruhigen, tief friedlichen bezeichnen möchte. Bei Ihrer penetranten Auffassungsweise würde Ihnen dies auch ohne mein Zuthun im Augenblicke klar sein. Könnte ich nur dabei sein! Doch freut mich auch die hiesige Aufführung, die eine ganz gute zu werden verspricht.
Interessiren würde es mich zu hören, wie Sie das Stück placirt haben, ob es im Theater oder wo sonst gegeben wird pp. pp. Schreiben Sie mir ein Wort! –
Es geht mir wieder besser, obwohl noch die volle Kraft fehlt; doch erhoffe ich Sie bald. –
Freundlichem Gruß
R. Schumann.

Eine Neuigkeit leg’ ich Ihnen bei – IV (Märsche) – und es soll mich freuen, wenn Sie Ihnen zusagen. Die Jahreszahl, die darauf steht, hat diesmal eine Bedeutung, wie Sie leicht einsehen werden, O Zeit – o Fürsten – o Volk! –
Wenn die früher geschickten Quartette und Chorstimmen bis zum 17. in meinen Händen sind, hab’ ich sie zeitig genug.
Der Kopist läßt mich mit den letzten Bogen der Partitur im Stich; sie folgen morgen nach.

  Absender: Schumann, Robert (14753)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Liszt, Franz (964)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
159ff.
 



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