19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 8908 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 21.08.1857
 

St. Goarshausen d. 21 Aug. 1857.
Liebster Joachim, welch eine liebenswürdige Ueberraschung haben Sie mir durch Ihren Brief bereitet! auch wir haben Ihrer in der ganzen Zeit nicht wenig gedacht, und vermißten Sie schmerzlich. Johannes versank wieder in seinen vorigen Ernst, nachdem Sie uns verlassen, und thue ich mir auch noch so viel Gewalt an, so ist es mir bei meinem Gemüthszustande ganz unmöglich erheiternd anzuregen, so gern ich fröhliche Freunde um mich sehe und gern auf mich einwirken lasse, wovon Sie Sich gewiß überzeugt, wenngleich |2| ich zuweilen über schlechte Witze gescholten. Ihr wißt nur zu gut, wie lieb ich Euch habe, und daß Ihr doch Alles mit mir macht, was Ihr wollt. Aber über Eines bin ich Ihnen recht ernstlich bös gewesen: Sie haben meine Pastoral-Sonate (d. h. Beethoven) belauscht, meine Auffassung mißbilligt, und mir nichts gesagt, weil ich es doch übel nehmen würde! ist das Recht? glaubt Ihr denn wirklich, daß es so unlautere Gründe sind, die mich betrüben, wenn Ihr etwas tadelt? ich bin mir meines Gefühles dabei klar bewußt, und brauche mich wahrhaftig nicht zu schämen, wenn ich Euch oft den Dank unter Thränen sagte. Begreifen Sie das nicht, wie bitter ich meine Unzulänglichkeit fühle, |3| wenn ich ein oder das andere Stück lange mit aller Hingebung der Seele studiert habe, und dann einsehen muß, daß <es> ich es doch nicht recht erfaßt? und ist es denn nicht die immer mehr geistige Vollkommenheit, wonach ich trachte (so viel es ein Weib eben kann)? soll es mir nicht weh thuen zu sehen, daß es mir doch an eben geistiger Fähigkeit gebricht? ist das aber nicht Grund mehr, daß Ihr, meine besten Freunde, mir Alles sagt? nichts kann ja belehrender für mich sein, als Euere Bemerkungen, nichts mich so aneifern als das! also, liebster Freund, geben Sie mir die Hand darauf, daß Sie mir künftig Alles gleich offen sagen, und flösse ich gleich Strömen dahin! doch das soll nicht geschehen, ich werde auch vernünftiger. |4| Joh. hat mir all seine Gedanken über die Pastoral-Sonate gesagt, und jetzt spiele ich sie anders. Ich habe in der letzten Zeit zum ersten Male die 109 und 110 Sonaten studiert, und mit höchstem Genusse; <> die As dur, die mir früher hie und da wie ein Chaos erschien, ist mir jetzt ganz wundervoll klar.
Daß Sie nun doch noch den Winter in Hannover bleiben, überrascht mich nicht gerade sehr, ich hatte es im Grunde genommen doch vermuthet. Neulich wollte ich Ihnen in großer Extase mit allen möglichen Für’s ein Engagement in Rom auf drei Monate mit mir (von Landsberg) vorschlagen, gut, daß ich es nicht that. Ich aber gehe vielleicht hin, es hängt nur noch von einem Briefe ab. Sprechen Sie |5| zu Niemand darüber, denn dann kommt’s gleich in die Blätter, und das mag ich nicht, ehe eine Sache nicht wirklich bestimmt ist.
Für Ihre freundliche Besorgung in Frankfurth danke ich Ihnen sehr! wie schade ist’s mit den Mozart’schen Violin-Concerten! und wie schön wäre es gewesen, hätten Sie ein Meister-Concert mehr gehabt. Ich denke immer, Sie müßten Eines schreiben können, wenn Sie Sich recht ernstlich daran gäben. Joh. kommt mit<> seinem nicht recht voran, er hatte Manches im ersten Satze verändert, jedoch schien mir es nicht glücklich, mühevoll – jetzt ruht es nun ganz, d. h. äußerlich, in Ihm gewiß nicht! – Er grüßt Sie herzlich, und bittet, daß Sie Etwas schicken möchten, dann will er auch antworten.
|6| Wollen Sie es übernehmen Grimm zu sagen, daß uns sein Brief Leidwesen verursacht, denn, ist es wirklich seine Idee uns zu besuchen, so müßte er jetzt kommen, denn von Anfang Septbr. an würde er, mich wenigstens, in größter Ungemüthlichkeit in Düsseld. finden, da das Einpacken los geht, so bald ich zurückkehre, und sehr möglich ist es, daß wir schon Mitte Septbr. fortgehen, denn Beide sehnen wir uns nach unseren nächsten Bestimmungsorten. da es doch nun einmal sein muß, in Düsseld. haben wir keine Gemüthlichkeit mehr. Grimm würde nicht einmal einen Flügel bei mir finden, da Dieselben zur Abreise schon vorher bei Klems bereit stehen. Kommt er also nicht hierher, wo wir dann gern ein paar Tage länger verweilen, so müssen wir auf ein ruhiges Zusammensein wenigstens verzichten. Ich muß Ihnen offen gestehen, |7| daß, <> so sehr ich einestheils begreife, daß es Grimm schwer wird Göttingen zu verlassen, so doch anderntheiles es mich für Johannes geschmerzt, daß Grimm Ihn, Den er ja viel seltener noch sieht als Sie, zurücksetzt. Ich weiß auch, daß Joh. dasselbe Gefühl hatte.
Wie wäre es nun, wenn jetzt, wo es wirklich herrlich hier ist, Ihr zusammen kämet? ach, Joachim, thuen Sie es doch, es wäre gar zu schön! jetzt kann man erst laufen, musicieren, man athmet ja eigentlich erst seit 8 Tagen auf. Bis zum 30 Aug. sind wir jedenfalls noch hier, und kommt Ihr, so bleiben wir noch gern einige Tage länger.
Jedenfalls bitten Sie Grimm ein Wort zu schreiben, damit wir wissen, ob wir Ihn erwarten sollen oder nicht. Doch bitte ich Sie, wenn Sie |7| Sich nicht wieder entschließen können zu kommen, Ihm ja nicht zu der Reise zuzureden, denn treibt Ihn sein Herz nicht, wie Sie das Ihre uns zuführte, so bleibe er lieber. Veranlassen Sie Ihn auch lieber nicht zum schreiben, das setzt Ihn in Verlegenheit, dann spricht er von großer Sehnsucht ect. und das mag ich nicht. Wir sind ja hier, kommt er, nun so findet er uns.
Verzeihen Sie mein furchtbares Geschreibsel! haben Sie nochmals schönsten Dank für den liebenswürdigen Brief, und verargen Sie es mir nicht, wenn ich mir bald wieder Einen wünsche.
Können Sie, so kommen Sie noch ein Mal, jetzt haben Sie ja vor der Hand Ruhe in Ihren Hannoverschen Angelegenheiten. Ich fürchte so sehr, ich sehe Sie nicht mehr im Herbst! Wie immer von ganzem Herzen
Ihre
Clara Sch.
[Umschlag] Sr Wohlgeboren Herrn Joseph Joachim. in Göttingen. (Universität.) frei.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: St. Goarshausen
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort: Göttingen
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
337-340
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.