25.02.2022

Briefe



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ID: 8985
Geschrieben am: Sonntag 13.07.1862
 

Münster am Stein d. 13 July 1862.
Lieber Kirchner,
da sollte ich nun eigentlich, wäre ich egoistisch, noch eine Weile böse bleiben, damit ich wenigstens den zweiten Reuebrief noch bekäme! aber wer weiß, wenn der käme, und dann möchte ich kein unversöhnliches Gemüth zeigen, (auf Ihren lieben Brief) denn das habe ich nicht, im Gegentheil von der Nachsicht für die Eigenheiten meiner Freunde eher zu viel, worauf denn oft sehr fest gebaut wird, so daß es kein Wunder wäre, schwankten zuweilen die Grundpfeiler. Mit den geheimnißvollen Mächten haben Sie nun wohl etwas Recht, doch nicht ganz, |2| es ist ja die Aufgabe des Menschen Diese zu bekämpfen, so viel als möglich – hat man doch eigentlich sein ganzes Leben damit zu thuen.
Ihren Brief(?) nach Berlin erhielt ich nicht, von meinem nach Chemnitz folgt hier das Couvert.
Von meinen Plänen kann ich Ihnen so ziemlich Gewisses sagen: ich reise am 23ten d. M. von hier nach Carlsruhe, bleibe dort einige Tage bei Schroedter’s, und denke Ende July auf dem Rigi zu sein. Dort will ich bis Anfang Septbr. bleiben, dann eine Tour in’s Berner Oberland machen und schließlich nach Bipp auf höchstens 14 Tage. Können Sie es nicht so einrichten, daß wir da und dort zusammen sind? das wäre recht schön! ich hoffe die Cur thut Ihnen gut, und Sie ertragen die Langeweile so |3| resignirt als möglich. Schaffen Sie doch ’mal wieder Etwas, und hätten Sie auch weiter nichts davon, als die Wonne des Schaffens selbst, die doch mit nichts zu vergleichen. Sie hätten doch so schöne Zeit, so z. B. ein gewisses Quartett fertig zu machen. Thuen Sie es, bekämpfen Sie Ihre Stimmungen, ein Mensch muß sich nie aufgeben, dann ist er ja verloren, und nun gar ein Mensch mit solchen Gaben wie Sie. Ich bin überzeugt, könnten Sie ’mal recht zu anhaltenden Arbeiten kommen, Sie würden schon in dem Bewußtseyn, gethan zu haben, was in Ihren Kräfften stand, Befriedigung so viel finden, um wenigstens nicht zu dem Gefühle des Lebens-Ueberdrusses zu kommen. Raffen Sie Sich auf, lieber Kirchner, Sie sind ein Mann noch in voller Krafft, geistig wie körperlich, Sie müssen es können, wenn Sie wollen. |4| Zürnen Sie nicht, daß ich wieder einmal das schöne Recht der Freundschaft, offen meine Meinung zu sagen, gebrauche, Sie wissen, ich meine es wahr.
Eine Frage: können Sie mir Einiges von Musik leihen? ich möchte nicht gern so viel mitschleppen. Bach, Beethoven, Schumann? was schreibe ich Ihnen dann später. Sie bringen doch auch Dmoll Quartett, Octett à 4/m v. Schubert mit, wenn Sie kommen? bitte, antworten Sie mir hierauf, und was Sie beschließen?
Ich habe die Zeit über hier viel Besuch gehabt, Brahms und Dietrich 14 Tage lang, Bargiel 4 Wochen, Rudorff v. Berlin, kurz, es gab immer viel Musik, die ich eigentlich bei der Cur gar nicht machen soll. Es geht aber nicht – Musik ist nun einmal meine Luft und Leben!
Nun seyen Sie herzlichst gegrüßt, und gestatten Sie ’mal vor der Hand keiner geheimnißvollen Macht den Zutritt, sondern schreiben recht bald eine Zeile
Ihrer
wahrhaft ergb
Clara Schumann.






  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Münster am Stein
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
98ff.

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 6739-A2; Abschrift: A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 33–35, Nr. 14
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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