05.01.2022

Briefe



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ID: 8999
Geschrieben am: Samstag 17.07.1858
 

Wiesbaden d. 17 Juli 1858.

Lieber Joachim,

Ihr Brief hat mich sehr in Aufregung versetzt; Sie muthen mir einen Beschluß zu, von dem Sie wieder den Ihrigen abhängig machen. Was soll ich nun thuen? das Engagement, welches man Ihnen angetragen, muß doch ein sehr vortheilhaftes sein, sonst würden Sie doch nicht daran denken es anzunehmen, denn solch eine Tour nimmt ein ordentlicher Künstler nicht leicht an, wenn sie Ihm nicht viel einträgt? ich thäte es freilich weil ich muß, doch Sie?! – Meine Pläne für den ersten Theil des Winters waren wie Sie ja wissen, Wien und Pest, und im neuen Jahr, etwa Febr. und März dachte ich ernsthaft an eine Tour in die Provinzen Englands, wenn ich ein festes Engagement bekommen könnte. Wie ich das aber anfange weiß ich noch nicht! könnten Sie nichts für mich darin thuen, da Sie doch alle die Leute, die Solches unternehmen, kennen? wer hat Ihnen für den Herbst den Antrag gemacht? Cramer u. Beale? hätten Sie mir nicht ein solches Engagement mit Ihnen zusammen verschaffen können? ein Clavierspieler ist ja bei solchen Touren immer mit dabei, und da gäbe ich doch gerade nicht den Schlechtesten ab! – Könnte ich mit Ihnen in England reisen, so verschöbe ich Wien u. Pesth bis nach Weihnachten, anderen Falls aber, steht mein Entschluß dahin fest. Thuen Sie aber ja, was Sie für das Beste halten – es wäre mir doch schrecklich, gäben Sie auf meine Veranlassung etwas viel Vortheilhafteres auf. Als ich Ihre Handschrifft sah, lieber Joachim, freute ich mich sehr, aber doch weiß ich nicht, ob es nicht besser ist Keinen als einen halben Brief zu bekommen, aus dem man nicht einmal entnehmen kann worauf das Herz hoffen darf. Nichts weiß ich, nicht wenn wir Sie wieder sehen, nicht wo, und Manches Andere nicht! Grimm und Johannes, auch Woldemar, Alle fragen nach Ihnen – ich kann ihnen Nichts sagen. Ich kann mich doch des betrübenden Gefühles nicht erwehren, daß Sie doch nicht so recht <> ernst an Ihre Freunde gedacht haben, sonst hätten Sie uns nicht so vernachlässigt. Sollte <> der Morgen anbrechen, an dem Sie die Fortsetzung Ihres Briefes folgen ließen, so bin ich noch bis zum 23ten d. M. hier, „Dotzheimer Weg. Nro 1 c.“ Für die Einlage von Paulinen danke ich sehr. Wie prächtig schreibt sie mir über Sie! das freut mich am meisten. Ich schriebe Ihnen gern mehr, aber ich kann nicht, denn ich bin betrübt. Leben Sie wohl! Wo werden Sie am 24ten sein?
Ihre
Cl. Sch.

Hiller, der hier war, grüßt Sie, auch Frl. Leser. Können Sie im Herbst von Hannover fort?

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Wiesbaden
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
410ff

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 6365-A2
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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