19.12.2019

Briefe



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ID: 9132 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 03.03.1860
 

Wien d. 3 März 1860.

Also wieder einmal aus der Kaiserstadt, und wieder ohne Sie, lieber Joachim! – Und heute, welch herrliche Musik macht Ihr, und ich kann nicht dabei sein! – Ob Ihr wohl meiner dabei auch gedenkt? – Nun, mir geht es sonst aber gut hier! mein erstes Concert war vorgestern – es war ein herrlicher Empfang, ein nicht enden wollender Applaus, als ich erschien, so daß ich wirklich ganz gerührt wurde, was viel sagen will bei mir, denn Sie wissen, was ich von Publikum halte. So gute Concerte wie diese Drei, habe ich noch Keine hier gegeben, es ist schon lange voraus kein guter Platz mehr zu haben gewesen. Das freut Einem doch! pecuniär steht es nur leider sehr schlecht hier, denn das Geld hat keinen Werth, es steht so, daß man ein Drittel verliert. Aber hier zu musicieren, das ist doch eine Lust, da steigt Einem die Kraft, man weiß nicht wie. Ihrer, lieber Freund, habe ich aber nicht nur sehnsüchtig bei den Concerten gedacht, sondern auch geschäftlich mit Spina. Er will diesen Sommer Ihr Duo drucken mit Vergnügen – ich dachte nun aber, für das Vergnügen könnte er doch auch etwas bezahlen, und sagte Ihm daher in Betracht dessen, daß das Werk ein kostspieliges und nicht so rendierendes sein könne, als z. B. ein Solostück ect. würden Ihre Ansprüche nicht all zu hoch sein, Sie hätten mir schon gesagt, daß Sie einen Theil des Honorar’s gern mit den Schubert’schen Werken aus seinem Verlage gedeckt sehen würden, und dachte nun, Sie sollten doch wenigstens noch so viel verlangen, daß Sie Abschreiberkosten der Partitur und Stimmen gedeckt sehen, also etwa noch 100 Gulden, die jetzt 50 Thaler P. C. geben. Ich weiß genau, das hätte Robert auch gethan, und ich bin überzeugt Spina giebt es; oder finden Sie es zu viel, so verlangen Sie 60 Gulden, Diese hat Ihnen das Abschreiben doch sicherlich gekostet, und würde ich das Spina an Ihrer Stelle auch sagen, denn als Honorar darf das ja nicht angesehen werden. Er trug mir auf Sie zu bitten, Ihm bald Alles zu schicken. Wollen Sie mir in der Sache noch auftragen, so wissen Sie, wie gern ich’s thue. Wegen Johannes habe ich gestern auch mit Herbeck gesprochen – er will bei nächster Gelegenheit das Ave Maria und den Begräbnißgesang aufführen. Könnte ich nur mit Eckert wegen der Serenade etwas ausrichten – jedenfalls versuche ich es. Das Duo v. Schubert bringt nun Spina jedenfalls in einem der ersten Concerte nächsten Winter’s heraus, das sagte er mir gleich, als ich davon sprach. Hätte ich nur die Partitur der Serenade, denn natürlich fragt gleich Jeder darnach der sie aufführen will. Nach Pest werde ich wohl nicht kommen, es sieht gar so unruhig dort aus. Ich lege Ihnen einen Aufsatz bei von Hanslick über Liszt’s Prometheus – er wird Sie interressieren – es freut Einem doch, wenn das Publikum einmal das Herz auf dem rechten Flecke hat. Ich hätte mögen dabei sein, ich hätte wollen mit jubeln. Neulich hat Eckert in den philh. Concerten Roberts D moll Symphonie und Ouvertüre, Scherzo u. Finale aufgeführt, und beide Sachen haben den größten Enthusiasmus erregt – hätte ich nur dabei sein können! auch vom Manfred ist noch Alles voll Entzücken. Warum nur erst jetzt! Freude und Schmerz empfinde ich immer zugleich wenn ich davon höre. Morgen höre ich im Gesellschaftsconcert drei Lieder für Chor, die ich noch nicht kenne, da Whistling sie seit Jahren ungedruckt liegen ließ, und Arnold sie erst jetzt herausgegeben hat. Herbeck spricht mir sehr erbaut davon – ich freue mich darauf. Was hört und sieht man hier Alles! Morgen Ruinen v. Athen (habe ich noch nie gehört), Montag Sommernachtstraum, Dienstag Faust (Mephisto Lewinsky) und so fort die ganze Woche Interressantes. Nun, ich muß doch Etwas haben für das Entbehren der Serenade! ich darf heute gar nicht daran denken, dann rührt sich’s in mir. Bitte, lieber Joachim, schreiben Sie mir darüber, und über Alles sonst was Sie betrifft – Alles ist mir so lieb, was ich von Ihnen höre. <> Ich will eben auch an Johannes nach Hamburg schreiben, da ich fürchte, mein Brief trifft Ihn nicht mehr bei Ihnen. So leben Sie denn wohl. Gedenken Sie Ihrer alten getreuen Freundin
Cl. Sch.

„Wollzeil Nro 773, 2ter Stock.“

P. S. Mein 2tes Concert ist am 8ten – mein Trio!!! was sagen Sie zu dieser Courage? es geschieht zum ersten Male, daß ich es öffentlich spiele, und wahrhaftig nur auf dringendes Zureden von vielen Seiten, E dur Sonate v. Beethoven ect. Das 3te ist am 15ten – Davidsbündler, Sonate H Moll Clementier (vielleicht) ect.
Noch ’mal Adieu!

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
498-501
 



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