25.02.2022

Briefe



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ID: 9215
Geschrieben am: Samstag 15.12.1860
 

Hannover d. 14 Dec. 1860
Lieber Johannes
so eben angekommen eile ich Dir zu sagen, daß ich die Stimmen zu dem Minnelied von Eichendorf nie gehabt, ich kann mich auch gar nicht besinnen, welches Lied Du meinest? –
Deine Einladung, so freundlich <s> und einladend sie auch ist, kann ich nicht annehmen. Du weisst ja welche Unruhe das Concertgeben mit sich bringt, wie viel Leute da zu Einem kommen, wie Manche ich besuchen muß, |2| die ich sonst nicht besuchte, die dann aber wieder zu mir kommen; dann muß ich doch mein Clavier auf meinem Zimmer haben, ungestört üben können – überlege Dir, welche Ungemüthlichkeit Du selbst hättest! ein oder zwei Tage geht das wohl, aber nicht 8 Tage und mehr vielleicht. Danke den lieben Deinigen recht herzlich. Gemüthliche Stunden bei Dir denke ich, verleben wir schon, und, ich glaube, ungestörter wenn ich nicht bei Dir wohne.
Ich werde doch wohl Halier’s Anerbieten annehmen, werde mich aber schon brieflich unabhängig stellen, werde ihnen schreiben, daß sie in keiner Weise Ansprüche |3| an mich machen sollen, daß ich durchaus ungenirt sein müsse ect. ect. ich verstehe das schon so ein wenig. Vielleicht schreibe ich auch ab – ich will mir es noch einmal beschlafen, Morgen schreibe ich.
Du weisst noch von nichts, bitte, wenn man Dich fragt.
Ich spiele Morgen bei Hof, und reise Montag nach Düsseldorf. Dort findest Du mich unter der gewöhnlichen Adresse: Frl. Leser.
Leider können meine Jungen nicht zur Bescherung kommen, da Frl. Leser so leidend ist, daß sie gar keine Unruhe bei sich vertragen kann, also auch an kein Bescheeren, wenigstens |4| an keinen Baum denkt. Ich werde also recht wie eine Verwaiste das Fest verleben – Elise kommt auch erst zu Neujahr zu mir, d. h. zu Bendemann’s, denn bei Frl. Leser kann sie nicht mit wohnen.
Ich weiß Dir auch sonst nichts Erfreuliches zu schreiben, mein Concert in Leipzig fiel zwar, pecuniär auch, recht gut aus, hingegen habe ich in Berlin an meinem Logie einen Verlust von 300 Thaler, der mich hart trifft.
In Düsseldorf will ich viel studieren – das soll mich leichter über die Tage hinweg bringen, die für mich nur immer wehmuthsvolle sein können.
Leb wohl. Wie immer, Deine
Clara.
Joachim u. Marie grüßen. Heute spielt Ole Bull hier. Hübsche Ouvertüre v. Scholz – C moll Symphonie.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Hannover
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
Empfangsort: Hamburg
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 3
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Johannes Brahms und seinen Eltern / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-014-8
742-745

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 11010-A2
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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