19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 9314 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 01.07.1862
 

Münster am Stein d. 1 July 1862.

Lieber Joachim,

Ich sehe schon, daß ich sobald nichts von Ihnen höre, wenn ich nicht mal wieder schreibe und Sie bitte, doch endlich mal wieder der deutschen Freundin zu gedenken! ich hoffte von Woche zu Woche auf Brief, recht ernsthaft am 8ten Juni, da, dachte ich, würden Sie meines Roberts und dabei denn auch meiner gedenken, aber vergeblich! von Menschen, die Einem so nahe stehen, nur immer aus Zeitungen zu erfahren, ist recht hart, und sollten Sie, lieber Freund, manchmal daran denken! – Daß Sie fort und fort die Engländer entzücken, versteht sich von selbst, es freute Einem aber doppelt, hörte man es einmal von Ihnen Selbst, da erführe man dann doch auch manches Andere, so z.B „ wann Sie wieder zu uns zurückkehren? was für Pläne Sie im Sommer haben? Wann Sie wieder in Hannover sein werden? Daß der König Sie wieder gewonnen hörte ich zu meiner großen Überraschung neulich ganz zufällig. Da habe ich gefühlt, daß ich wohl egoistisch sein kann, denn ich freute mich, und mehr, als es mir um mancher Gründe halber leid thuen mußte. Es war aber ein gar zu trauriger Gedanke, Sie ganz in England! <nun war ich auch nicht mehr so betrübt, daß> Rose schrieb mir neulich, d. h. vor 6 Wochen, einen langen Brief voll des Jubels über Sie, und hat es mir die herzlichste Freude gemacht, daß Sie den frischen warmen Menschen so freundlich aufgenommen - weiß ich auch, Sie hätten es ohne mein Fürwort eben so gethan, so muß ich Ihnen doch danken, vielleicht war ich doch ein wenig Ursache, daß Sie Ihm gleich so liebevoll empfingen. Ich hoffe sehr, er kommt im Winter zu Ihnen nach Hannover – Glücklicheres für Ihn weiß ich nicht. Von mir kann ich Ihnen so weit Gutes sagen, freilich hatte ich aber, als ich im Mai in Berlin war, schwere Sorgen, und habe sie auch noch, namentlich um Julie, für deren Kräftigung ich diesen Sommer Alles thuen muß, was ich kann. Ich bin mit ihr, Marie und- Eugenie hier im Bade, und wie Sie sehen, diesmal in Münster am Stein, wo es reizend ist, Sie erinnern sich doch der Ebernburg und Rheingrafenstein? Letzteren sehe ich gerade von meinem Balkon aus vor mir. Frl. Leser ist auch mit, und leben wir so ganz gemüthlich eine Familie. Nach dem Musikfest in Köln kamen Johannes, Dietrich und Woldemar. Letzterer bringt seine ganze Ferienzeit <hier> (bis 14. July) hier zu; Joh. und Dietrich waren 14 Tage hier; und wohnten ganz ländlich in einem Hause unter der Ebernburg. Es gefiel<en> ihnen so, daß sie ungern fortgingen, Johannes bedauerte, sich nicht ordentlich Arbeit mitgebracht zu haben, um nicht zu bummeln, was er, Sie wissen, nicht allzulange verträgt. Vorgestern sind sie Alle fort -- (Herr v. Sahr kam auch noch) in die Pfalz zu Fuß; leider haben Sie recht schlechtes Wetter gehabt, wie es denn hier mehr Herbst als Sommer ist. Johannes schickte mir neulich - denken Sie,welche Ueberraschung -- einen 1. Symphoniesatz, mit folgendem kühnen Anfang: #### Das ist nun wohl etwas stark, aber ich habe mich sehr schnell daran gewöhnt. Der Satz ist voll wunderbarer Schönheiten, mit einer Meisterschaft die Motive behandelt, wie sie Ihm ja so mehr und mehr eigen wird. Alles ist so interessant in einander verwoben, dabei so schwungvoll wie ein erster Erguß; man genießt so recht in vollen Zügen, ohne an die Arbeit erinnert zu werden. Der Uebergang aus dem zweiten Theil wieder in den Ersten ist Ihm wieder 'mal herrlich gelungen. Außerdem erhielt ich noch Magelonenlieder, von denen Einige mir sehr lieb, Andere es weniger sind. Seine 4händigen Variationen über Roberts letztes Thema kennen Sie wohl? Die sind auch mal wieder prächtig! Daß Er nun selber kam, Alles das spielte, und Vieles Andere noch, auch 4händig D-moll Quartett, C-dur Quintett und Octett von Schubert zu mehreren Malen, war recht eine Freude für mich. Wer weiß in welch bedrängten Stunden Sie diese Zeilen erhalten, daher will ich der Länge nun ein Ende machen. Von mir nur noch Dies: ich bleibe bis zum 18ten July hier und gehe dann nach einem Besuche von einigen Tagen bei Schroedters in Karlsruhe direct auf den Rigi, bleibe dort <haupt> bis Ende August, mache wohl wieder eine Tour in’s Berner Oberland, wobei ich nicht wenig Ihrer gedenken werde, auch Manches wünschen, und was dann, das weiß ich noch nicht. Von Woldemar der gar nicht wohl war --- recht Besorgnißerregend sogar - soll ich Sie sehr grüßen. Man darf Ihm ja nicht merken lassen, daß man Ihn für unwohl hält. Die Luft hier thut Ihm übrigens recht gut, käme er nur nicht so bald wieder in’s Stundenjoch! - Die Kinder Alle und Frl. Leser u. Jungé tragen mir das Schönste für Sie auf, ich aber behalte mir meinen Gruß ganz besonders vor als den innigsten
Ihrer
alten treuen Freundin
Cl. Sch.

Adr. Münster am Stein bei Bad Kreuznach.

P. S. Ich hörte gestern Grimms seien nach Baden. Leider war die arme Frau Gisela immer unwohl.



  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Münster am Stein
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
676-679
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.