25.02.2022

Briefe



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ID: 9320
Geschrieben am: Montag 10.11.1862
 

Frankfurth a/M d. 10 Nov. 1862.

Lieber Joachim,

Zürnen Sie nicht, daß ich auf Ihre beiden Briefe nicht früher schrieb, ich bin aber seit 8 Wochen wieder furchtbar beschäftigt. Ihr erster Brief mit der Nachricht, daß Sie in London bleiben würden, hatte mich so betrübt, daß ich, hätte ich Ihnen darauf geschrieben, nur Klagen hervorgebracht hätte. Nun, bald kam ja die gute Post hinterdrein, und für mich muß ich mich doch freuen, thut es mir freilich für Sie leid genug, daß Sie nun unter so wenig angenehmen Verhältnissen noch einen Winter bleiben müssen. Ich muß Ihnen aber offen gestehen, daß ich Ihre Handlungsweise nicht recht finden konnte; Sie hätten gleich im Mai entschieden „Nein“ sagen sollen, das wäre für die Königin sicher nicht so hart und kränkend gewesen, als Ihr jetziges Verfahren. Ich denke übrigens, sind Sie erst mal wieder dort, so gleicht sich dies bald wieder aus,<wenngleich> und ich hoffe, Sie ertragen Hannover leichter, als Sie es Sich jetzt in London vorstellen. Ihren letzten Brief erhielt ich gerade am 1 Nov:, war aber sehr froh, daß Sie Selbst nicht da waren, denn,<die> trotz des besten Willen von allen Seiten, war die Aufführung eine höchst mittelmäßige, und es wäre mir recht hart gewesen, hätten gerade Sie den Faust zum ersten Male so gehört. Ich möchte doch so gern, daß Sie ihn so voll- kommen als möglich hörten, dann, weiß ich, Sie müssen dies Werk bewundern, Sie müssen es über Ihre Erwartung herrlich finden. Daß Sie aber gerade am 4 Dec: von London abreisen, und nicht ein paar Tage früher, so daß Sie vor Hannover nach Leipzig gekommen wären, das betrübt mich sehr! – Von Johannes haben Sie wohl direct erfahren, daß es Ihm in Wien außerordentlich gefällt, wie voraus zu sehen war. Er bleibt den ganzen Winter dort. Sein Quintett haben Sie auch erhalten? er spielt es, d. h. er läßt es bei Hellmesberger Ende d. M. spielen. Das möchte ich mal von Ihnen hören! Sie wissen wohl, daß Joh: Morgen in Hellmesbergers[sic] Quartett sein G moll Quartett spielt. Wie sehr Mad. Bennett’s Tod mich erschreckt hat, kann ich Ihnen nicht sagen, hatte ich doch keine Ahnung von ihrem Krankseyn! wie dauert mich der arme Bennett, welch ein Verlust, solch liebe Frau! bitte sagen Sie Ihm, wie tief ich den Schmerz mit Ihm und seinen Kindern fühle. Auch Frau Klingemann versichern Sie meiner innigsten Theilnahme, wie hat auch dieser Tod mich bestürtzt! So geht Eines nach dem Anderen - bliebe man nur selbst
nicht gar zu lange zurück! - Meine Pläne sind nun Diese: ich gebe am 13ten mit Stockhausen eine Soiree hier, habe neulich im Museum gespielt, gehe dann nach Carlsruhe zum 15ten, spiele am 21ten in Hamburg und gebe nachdem mit Stockh., der gerade zu demselben Concerte engagirt ist, zwei Soireen, dann gehen wir am 1ten n. Leipzig, dort spiele ich d. 11ten und schließlich am 15ten in Breslau, worauf noch ein eignes Concert folgen soll. Zu Weihnachten hoffe ich in Berlin zu sein! – Im Januar <ho> denke ich Sie jedenfalls zu sehen, ich spiele am 7ten Jan. in Rotterdam, und werde mich auf der Reise dahin einrichten einen Tag in Hannover zu bleiben – man sollte es Ihnen wohl eigentlich gar nicht sagen, wie sehr man sich sehnt nach Ihnen, ich thue es aber doch, Sie kennen mich ja genug, und wissen’s nun einmal daß ich das Eine zu viel, das Andere zu wenig habe. Wenn höre ich wieder von Ihnen? schreiben Sie mir bald von Hannover aus? meine Adresse <kenn> in Leipzig kennen Sie, vom 2–13ten bin ich dort. Vielleicht überraschen Sie mich in Berlin zu Weihnachten? doch, Grimm’s sind ja leider nicht da, und das wäre doch traurig für Sie, ich mag daher nicht bitten.
Leben Sie wohl, lieber Joachim. Reisen Sie glücklich, und bringen Sie
das alte Herz mit
Ihrer
getreuen
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 6443-A2
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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