19.12.2019

Briefe



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ID: 9339 Brieftext


Geschrieben am: Montag 02.02.1863
 

Düsseldorf d. 2 Februar 1863

Lieber Joachim,

Sie vermutheten sehr richtig, daß ich über die nun endlich glückliche Lösung Ihrer hannöverschen Angelegenheit die herzlichste Freude haben würde. So bleiben Sie doch wenigstens eine Zeit immer in Deutschland - oh, wäre es nie mehr in England!
Das Benehmen des König’s ist schön, fast könnte man es großmüthig nennen, wäre nicht zu sehr sein eigner Gewinn dabei im Spiele. Ihre Nachricht erweckt bei Allen, denen ich es erzähle, Freude, gestern auch bei Hiller, der Sie herzlich grüßen läßt. Daß Sie nicht auf einen lebenslänglichen Contract eingingen, war sehr recht -- ein Mann von 32 Jahren wird sich solche Fessel doch nicht anlegen. In Cöln habe ich ein paar angenehme Tage verbracht. Daß gerade Graf Platen es gewesen sein mußte, der den Abend das Es dur Concert gehört, thut mir leid, ein Anderer als Er hätte Ihnen vielleicht recht gutes davon erzählt, denn die Musiker schienen Alle sehr befriedigt, die Hauptsache aber, ich fühle selbst, wie ich es jetzt besser denn je spiele. Woldemar's Psalm ist sehr gut ausgefallen, die ersten Sätze davon sind aber auch wirklich recht schön, wenn auch nicht originell, leider ist der letzte Chor so lang und monoton, daß er der Wirkung des Ganzen offenbar schadet, doch Sie kennen Woldemar der sieht das nicht ein, obgleich es Ihm Alle gesagt. Einen großen Fortschritt scheint er mir doch gemacht zu haben, obgleich ich immer bei meiner Ansicht bleiben muß, daß ein solches Werk mehr oder weniger in der Welt von gar keinem Gewicht ist und gewiß bald zu den vergessenen zählt. Sein Componistenglück war mir aber rührend anzusehen, er war in einer so freudigen Aufregung, wie ich Ihn nie gesehen. Wenn nur dieser Erfolg seine Einbildung nicht noch
mehr steigert, denn groß ist sie schon. Hier ist man jetzt viel mit dem Musikfest beschäftigt. Denken Sie, man schrieb der Lind, ob sie singen wolle, und Diese <sch> antwortete sogleich, sie wolle gratis singen, wenn man Ihren Mann das Fest dirigieren lassen wolle! Welch gränzenlose Ehrsucht! sie muß doch den Mann gar nicht lieben, daß sie Ihn so der Welt aufdringt, wie so unweiblich von Ihr, und unmännlich von Ihm! - Aber denken Sie an wen man noch denkt, an Wagner! Die Musikfeste werden hier in Düsseldorf immer mehr Erwerbszweig, der eigentliche Kunstzweck wird ganz hintenan gesetzt. Ist denn eigentlich Stockh. jetzt bei Ihnen? ich kann es mir noch nicht recht denken, weil er doch durch Köln gekommen sein müßte; sollte es aber doch sein, so grüßen Sie Ihn herzlich v. mir, und sagen Ihm meinen Dank für seinen Brief, den ich nicht beantworten konnte, weil ich fortwährend so in Anspruch genommen bin, daß ich kein Ende absehe. Ich habe die ganze letzte Zeit wieder so furchtbar viel zu schreiben gehabt, dabei immer die Concerte, daß ich mich oft wundere, wie ich’s so aushalte. In Holland war ich aber sehr elend, doch, das ist ja nun vorbei! – Hat denn Reinicke an Frl. Weiss geschrieben? ich that es gleich damals als ich hierher kam, an Ihn nämlich. Für Ihre Freundlichkeit für Clementine herzlichen Dank. Der norwegische Dichter ist leider nicht zu mir gekommen, hätten Sie Ihm doch eine Zeile an mich gegeben – das thut mir doch sehr leid. Ich hörte gestern, daß er hier sey, kann Ihn aber natürlich nicht aufsuchen. Meine Pläne sind für die nächste Zeit folgende: ich spiele am 5ten in Bonn, gehe dann wieder hierher, von hier am 10ten nach Paris, dort habe ich am 14ten mein erstes Concert, dann d. 21 und 24ten in Lyon, kehre von dort nach Paris zurück und bleibe wohl bis Ostern. Meine Adresse dort ist am sichersten durch Mme Erard, 13, Rue du Mail. Ich möchte, ich <schriebe> hätte sie nicht vergebens hierher geschrieben! Gedenken Sie meiner, auch sichtlich, bitte, und seyen Sie herzlichst
gegrüßt
von Ihrer
alt getreuen
Cl. Sch.

An Scholzens meinen schönen Gruß – für Sie von Allen hier.

P. S. Ich lege doch einige Zeilen an Stockh. bei, es möchte Ihn verletzen nach seinem sehr freundschaftlichen Brief.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
710-713
 



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