19.12.2019

Briefe



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ID: 9355 Brieftext


Geschrieben am: Montag 11.05.1863
 

Baden d. 17 Mai 1863.
Meine liebe Elisabeth,
wie reich und reizend haben Sie mich beschenkt! und ich fühle so sehr, wie ich das so gar nicht verdient! nur Sie haben mir immer Gutes gethan, ich Ihnen nie; ich bin mir nur des einen bewußt, daß ich Ihnen immer treu und dankbar ergeben war, und das wird ewig so bleiben. Welch einer mühevollen Arbeit haben Sie Sich underzogen [sic], und noch dazu diesen Winter, wo Sie so viel leidend waren! aber wunderschön ziert die Decke mein Zimmer, und ist mir ein sehr liebes Andenken. Seyen Sie innigst dafür umarmt. Aber bald ansehen müssen Sie Sich mein Häuschen, wie es jetzt ist, oder wird, denn wir sind noch immer nicht ganz fertig damit; es ist höchst gemüthlich, liegt, wie Sie wissen gar lieblich gegenüber dem herrlichen Grün und ernsten Tannen, dabei hören wir immer das sanfte Rauschen der Oos. Doch Sorgen macht solch ein Besitz auch, wie ich sie noch nie gekannt, und leider dauern diese Jahr aus Jahr ein, das Repariren hört sicherlich nicht auf, und sorge ich mich recht sehr deshalb. Dabei habe ich hier so schlechte Schulen gefunden, daß Felix sowohl wie Eugenie im Winter fort müssen, und das ist schlimm. Ich gehe mit dem Plane um Felix auch später zu Dr Planer zu geben, denn auf’s Gymnasium muß er, und das ist in Karlsruh mangelhaft. Was meinen Sie zu dem Plan? sprechen Sie nicht weiter davon, eben, weil ich noch keineswegs entschieden bin. Soll ich Ihnen von meiner inneren Stimmung sprechen? werden Sie nicht sagen, ich sey ein undankbares Wesen, jetzt, hier in dieser Natur nicht ganz glücklich zu sein, und doch kann ich es nicht helfen, daß ich recht traurig bin, denn wieder fühle ich, gerade in dieser wundervollen Natur doppelt, wie doch der eigentliche Lebensweg fehlt, hat man sein Liebstes verloren. Immer muß ich denken, wie würden wir hier wohl glücklich sein, lebte Er noch mir zur Seite. Es fehlt dem Hause die Stütze dem Herzen die erhebende Liebe. Kinderliebe ist wieder eine andere, sie schmiegt sich an, erhebt aber nicht zugleich den Geist zu immerwährender Frische. Sie verstehen mich, liebe Elisabeth, nicht wahr, und schelten mich nicht! – Mit Elise haben Sie recht, sie ist ein sehr tüchtiges Mädchen, ein ehrenfester Character, aber auch Marie thut nach Kräften das Ihrige, und so recht eigentliche Sorgen habe ich nur um Julie, die in etwa 8 Tagen zurückkehrt, nachdem sie in Nizza recht traurige Zeiten verlebt, da es in der Schlumbergerschen Familie fortwährend Krankheit und Trauerfälle gab. Das kann ihr nicht eben gut gethan haben! sie schreibt aber entzückt von Nizza. Wie mag es Ihnen jetzt gehen? sind Sie wohl schon in Kreuznach, oder wo? bitte beweisen Sie mir Ihre treue Anhänglichkeit auch zuweilen durch ein Lebenszeichen, es wäre mir so gar traurig, sollte ich nichts von Ihnen wissen. Auch von uns sollen Sie gewiß immer hören, kann ich nicht selbst, so schreiben die Kinder. Sagen Sie mir auch bald, ob Sie und Ihre liebe Schwester die Sie herzlich grüßen wollen, den Sommer ’mal hierher kommen? sagen Sie Ihrer Schwester doch, daß ich Ihr noch freundlich danke für die Bekanntschaft der Mad. Parohl [?], die man, so eigenthümlich sie auch erst scheinen mag, doch bald lieb gewinnt. Aber, glücklich scheint sie mir nicht, es liegt mir schon in Ihrem Gesichtsausdruck etwas, daß Einem weh thut. Ihn mag ich auch wohl, er scheint mir aber ein sehr strenger Mann. Die Kinder sind reizend. Jetzt noch einen herzlichen Händedruck, liebe Elisabeth, und die Versicherung der treuesten Gesinnung
Ihrer
dankbaren
Clara Schumann.

Frl. Leser wird wohl im July auch herkommen, nach Ihrer Cur in Kreuznach – vielleicht sehen Sie sie dort. Sie wird in Münster wohnen, was sehr vorzüglich ist, gewiß auch für Sie.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Werner, Elisabeth (1691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
645-648
 



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