25.02.2022

Briefe



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ID: 9584
Geschrieben am: Donnerstag 25.01.1866
 

Wien, d. 25 Jan. 1866
Schottenhof 6te Stiege 3ter Stock.

Lieber, theuerer Joachim,

meinen und Mariens aller herzlichsten Glückwunsch zu dem neuen frohen Ereigniß! freilich bin ich nicht ganz zufrieden, daß es kein Mädchen – Sie wissen schon, warum! – Aber, es ist auch nett, daß der kleine Putzi ein Brüderchen hat, und wird er nun wohl endlich zu seinem menschlichen Namen kommen! – Sie lassen uns doch bald durch ein Wort wissen, wie es Ihrer lieben Frau geht? und auch, ob sie nicht gar zu schwer gelitten? Hoffentlich waren Sie doch zur rechten Zeit von Hamburg zurück? ich erwarte bald Nachricht von Johannes über die ganze schöne Zeit, die Sie zusammen mögen verlebt haben. Ich habe hier sehr freundliche Aufnahme von allen Seiten gefunden, bin durch Zufall in dasselbe Logie gekommen (nur einen Stock tiefer) welches ich vor 8 Jahren bei Lickl bewohnt, esse Mittags auch wieder wie damals bei Drahtschmidt’s, und, sitzen wir so beisammen, da können wir es gar nicht glauben daß 8 Jahre dazwischen liegen. Mein erstes Concert ist am Sonnabend – nicht ohne Herzklopfen denke ich daran. Leider ist mein Fußleiden in Folge des Falles in Braunschweig so hartnäckig, daß es mich sehr verstimmt, denn ich kann nicht gehen, humple wo’s nöthig, und befinde mich körperlich schlecht, weil ich mir keine Bewegung machen kann, dazu haben wir noch täglich das schönste Wetter! – Schmidt, der außer sich über das Mißverständniß mit Ihnen war, wird Ihnen wohl von meinem Unfall erzählt haben! ob er sich Ihnen gegenüber gerechtfertigt? ganz wohl nicht, denn die Sache bleibt immer Dieselbe, doch Ihr milder Sinn hat ihm gewiß vergeben, denn es that ihm entsetzlich leid Sie verletzt zu haben. Sie können denken, daß ich nicht wenig raisonnirt habe. Schmidt wollte sich damit entschuldigen, daß Sie ihm selbst geschrieben Sie seyen nicht da ect., ich ließ mich aber nicht darauf ein, sondern sagte ihm, er solle nun bekennen, daß sie gar nicht daran gedacht hätten, woran sie hätten zuerst denken müssen. Ihre Mutter will mich morgen besuchen – ich wußte gar nicht daß sie hier lebt. Ich habe eine recht talentvolle Schülerin an einer Verwandten von Ihnen, Frl. Wittgenstein, überdies ein liebenswürdiges Mädchen. Nun aber, gute Nacht, mein lieber Freund, und tausend gute Wünsche für den neuen kleinen Weltbürger! Ihrer lieben Frau alles Liebe von mir und Marien.
Von ganzem Herzen Ihre
Clara Sch.

Wie wird der Kleine heißen?

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
877ff

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 6495-A2
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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