25.02.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 9630
Geschrieben am: Sonntag 16.09.1866
 

Baden d. 16 Septbr. 1866
Lieber bester Joachim,
einen ganz besonders schönen Dankbrief möchte ich Ihnen und der lieben
Ursi1 schreiben können, für die große Freude, die mir Ihr Geburtstag-
Brief2 gemacht. Daß wir nun doch ’mal wieder von Ihnen hören war
uns wahrhaft wohlthuend! es war mir oft so sehnsüchtig zu Muthe nach
Nachrichten von Ihnen, aber am allerwenigsten möchte ich Sie beunruhigen durch Briefe, ich weiß ja, wie sie Ihnen von allen Seiten kommen.
Es |2| ist mir oft recht schmerzlich zu denken, daß ich Ihnen äußerlich
ferner trete und Andere Ihnen näher kommen, während Sie doch meinem
Herzen so sehr nahe stehen. Doch, klagen wollte ich nicht, es kommt mir
doch manchmal noch ein liebes Wort von Ihnen, sowie neulich, und das
erquickt mich dann wahrhaft.
Wie froh bin ich, daß es Ihrer lieben Frau so viel besser geht, und Sie
an den Kindern3 so viel Freude haben! wie freue ich mich Alle bald ’mal
13. September 1866
912 Joseph Joachim und seine Familie
zu sehen, und möglich ist es, denn ich spiele am 1 Nov. in Leipzig4 und
komme möglicherweise über Hannover. |3| Meine Eugenie kommt in die
Nähe Hannovers, nach Wolfenbüttel, in Pension.5
Von meinen Winterplänen kann ich noch nicht viel sagen, ich hatte
eigentlich auch die Idee auf 6–8 Wochen nach Paris zu gehen, jedoch
nur, wenn sich in Deutschland keine Engagements finden. Bis jetzt sieht
es noch nicht nach viel aus, und mache ich mir doch einige Sorgen darum
– ich bin natürlich den Leuten so gar nichts Neues mehr, und legte
am liebsten mein Haupt zur Ruhe, aber da es denn nun doch ’mal gelebt
sein muß, <so> und die Kinder erst recht leben wollen, so muß ich noch
zu schaffen suchen, so viel als möglich. Jeder Winters-Anfang ist |4| mir
allemal recht schwer, denn immer lebe ich in der Sorge um Engagements.
Das sage ich aber nur Ihnen, lieber Joachim.
Der Sommer war wenig erfreulich für mich, denn ich hatte, und habe
theilweise noch, schreckliche Sorgen mit den Kindern. Ludwig macht mir
am allermeisten, da er bei allem grundguten Character doch solch einen
Trotz und Hochmuth hat, daß man ganz verzweifeln muß. Er verträgt sich
daher mit Niemand als mit Denen die seine verschrobenen Ideen fördern,
und so muß ich ihn denn jetzt von der Familie Will wegnehmen, weil er die
schlimmsten Auftritte mit ihnen hat.6 Meine Eugenie |5| war, wie Sie wissen,
in Rödelheim bei Frl. Hillebrand7 einer ganz ausgezeichneten Frau;
plötzlich fiel es ihr in Folge einiger kleinen Zwistigkeiten ein, sie habe kein
Vertrauen mehr, und verschloß sie sich jeder innerlich näheren Berührung
dermaßen, daß Frl. Hillebrand mich bat, sie in ein anderes Institut zu bringen, was ich nun endlich gefunden.8 Mein Ferdinand ging vom Gymnasium
ab,9 um seine Kaufmannscarriere anzutreten, da lebten wir nun wieder
in steter Aufregung, ob er eine gute Stelle bekommen würde, was denn
nun endlich durch Franz Mendelssohn |6| gelungen ist – er ist zu einem
sehr angesehenen Banquier in Berlin gekommen.10 Für Julie11 kommt nun
wieder der schreckliche Winter, um den sie den ganzen Sommer immer
sich kümmert, und ich erst recht, denn noch jetzt weiß ich nicht wohin
mit ihr. Sie ist so viel kräftiger jetzt, daß ich sehr wünsche, daß sie nächsten
Winter fleißig Musik studiert, denn sie ist sehr begabt; aber wohin?
welche Lehrer? wo eine Familie, in der sie sich zufrieden fühlt? – Sehen
Sie, liebster Freund, so habe ich immer eine ganze Tabelle von Sorgen
aufzuzeichnen noch nicht ’mal die künstlerischen mitgerechnet und die
körperlichen, die mich recht häufig muthlos |7| machen, denn mein Leberleiden12
nimmt zu, und Niemand habe ich dem ich vertraue als Arzt! –
16. September 1866 913
Nun zu Besserem, zu Johannes, der Sie schönstens grüßen läßt. Ich
glaube wohl daß er noch bleibt bis Sie kommen, aber in die Schweiz geht
er nicht wieder – es müßte denn sein, daß Sie Lust hätten einige Concerte
dort mit ihm zu geben. Ich glaube er hätte Lust dazu, wenn Sie sie nämlich haben, und die Zeit dazu? Sie wissen, vor’m Jahre wollte er es nicht
gern, weil er erst ’mal allein dort gespielt haben wollte, nun hat er dies
ja gethan,13 und stünde sonach seinerseits nichts im Wege. Wenn Sie es
wollten, so könnte Johannes durch Rieter14 leicht Alles besorgen lassen.15
|8| Daß Sie uns hier noch einige Tage besuchen wollen,16 ist ja eine herrliche Aussicht, so bekommen wir noch einen schönen Nachsommer! ich
hab ein kleines aber ganz nettes Mansardenstübchen, wollen Sie es sich
darin gefallen lassen? Sie sind ein so bescheidener Mensch, daß Sie’s gewiß
freundlich nehmen, wie wir’s eben bieten können.
Ihrer lieben Frau noch meinen ganz besonderen Gruß und Dank für
ihren herzlichen Brief und Grüße von Allen hier an Sie beide.
In immer alter Treue
Ihre
Clara Sch.
Für die schnelle Antwort auch meinen besten Dank – der Brief an Chappell17
ist fort, schwer entschloß ich mich dazu.
◊1Bitte sagen Sie mir bald, wenn Sie kommen?

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
911-914

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 6503-A2
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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