25.02.2022

Briefe



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ID: 9763
Geschrieben am: Samstag 28.12.1867
 

Frankfurth a/M d. 28ten Dec. 1867.

Der Gedanke, Sie, liebster Joachim, wieder im Kreise Ihrer Lieben zu wissen, ist mir ein wahrhaft wohlthuender; ich trage ihn viel mit mir herum, all die Zeit schon, und möchte doch gern, daß Sie und Ihre liebe Ursi1 es wüßten, daher ich Ihnen einige Worte und 1000 gute Wünsche für das neue Jahr sende, und den Kleinen natürlich auch. Ich hoffe Sie haben Alle wohl gefunden, und das Fest recht froh verlebt! wie mögen die Kleinen vergnügt um den Baum herumgesprungen sein! – Unser Fest war leider nicht ungetrübt; wir wollten es hier |2| mit Elise, Julie und Ferdinand, der Urlaub bekommen hatte, vereint feyern, da wurde Julie in Divonne so unwohl, daß sie nicht kommen konnte – es war zwar glücklicherweise nicht bedenklich, hatte sie aber doch so geschwächt, daß sie die Anstrengung der langen Reise nicht ertragen hätte. Der Gedanke an das liebe Kind, das ich leidend in der Ferne wußte, ließ mich nicht zu ungetrübtem Genusse des Festes kommen. Mir that der Ferdinand auch so leid, der seine Geschwister jetzt schon 1 1/2 Jahr nicht gesehen, und sich so sehr gerade auf Julchen gefreut hatte. Doch, klagen darf man nicht, so lange man seine Lieben noch besitzt! ich mußte die ganze Zeit hier immer |3| an den armen Voigt in Leipzig denken, der neulich seinen ältesten Sohn, auf dem all seine Hoffnungen ruhten, der ihm und den Geschwistern schon jetzt eine Stütze war, begraben hat! denken Sie, ich hatte gerade Concert in Leipzig – das war mir doch sehr hart, ich spielte, während Voigt, einer meiner treuesten Freunde, an der Leiche seines Sohnes saß! – Ihrer lieben Frau sagen Sie meinen Dank für ihre neulichen Zeilen, wodurch sie mich herzlich erfreut hat. Sie wissen ja, was ich Ihnen von Anfang an über das Requiem von Johannes sagte; es freut mich unendlich, daß das Werk, wenn auch nur theilweise, zur Anerkennung gelangt – das Große wird ja doch nur vom kleinsten Theil erkannt. Johannes schrieb mir, daß es an Charfreitag im Bremer |4| Dom gegeben wird – er wird es selbst dirigieren, glaube ich. Ach, könnte ich es da hören! nun, vielleicht! – Mit England haben Sie wohl noch nichts bestimmt? Chappell will nur einige Provinzreisen unternehmen, da er im vorigen Jahre zu viel zugesetzt habe; er dringt aber dennoch in mich zu kommen, er könne mir genug Engagements verschaffen. Ich reise also Ende Januar dahin. Vorher soll ich in Brüssel spielen, habe aber eine unangenehme Geschichte dort; ich habe nämlich nicht gewußt, daß Samuels Concerte im Theater statt finden, und ihn, da ich zu ungern in großen Theatern spiele, das Clavier gar zu jämmerlich klingt, gebeten mich von meinem Versprechen los zu lassen. Ob er es thuen |5| wird? ich fürchte „Nein“! es war zu dumm von mir, daß ich nicht nach dem Lokal gefragt hatte, ich setzte aber voraus, es sey der Conservatoir-Saal. Am 3ten Januar gehen wir zur Genovefa nach Carlsruhe, worauf wir uns sehr freuen. Ich will mit Levi ernstlich wegen einiger kleiner Abänderungen sprechen, die das Ganze fördern würden – er mit Devrient würde das gewiß leicht können, und da sich Diese doch zumeist auf das scenische Arrangement beschränken würden, so finde ich darin kein Unrecht gegen den Componisten. Bis zum 7ten Jan. bleibe ich jedenfalls hier. Eine innige Freude würden mir einige Zeilen von Ihnen machen, <ich> und |6| will ich für den Fall, Sie kämen dazu, meine Adresse beifügen. Bleichstrasse Nro 36 bei Frl. Valentin. Eine Bitte habe ich noch: möchten Sie wohl gelegentlich Hrn. v.
Bronsart fragen, ob er vielleicht noch ein Programm von unserm neulichen Concert hat? ich habe es verloren, und hätte es gern in meiner Sammlung.
Nun aber Adieu, lieber theuerer Joachim.
Wie immer das Innigste Ihnen Beiden von
Ihrer
Cl. Sch.

Die Kinder fügen ihre schönsten Grüße bei.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
941-944

  Standort/Quelle:*) D-DÜhh, s: 55.3025; Abschrift: D-Zsch, s: 6518-A2
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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